Ärztliche Versorgung: Telemedizin und steigende Honorare gegen Landflucht 

Der Ärztemangel auf dem Land treibt Politikern, Ärzten und Patienten gleichermaßen Sorgenfalten auf die Stirn. Landflucht ist ein präsentes Thema, das schnelle Lösungen erfordert, die langfristig Besserung versprechen. Hoffnung machen die Möglichkeiten der Telemedizin. Neben einem Pilotprojekt im Vogtland wird anderweitig versucht, Ärzte mit der Anhebung ihres Honorars in den ländlichen Raum zu locken.

Vorteile der Telemedizin

Telemedizin ist für viele Patienten ein noch relativ wenig geläufiger Begriff. Gemeint ist damit die Überbrückung von Entfernungen zwischen Patient und Arzt beziehungsweise Apotheker oder Therapeut im Rahmen des Gesundheitswesens. Therapie und Diagnostik findet räumlich getrennt voneinander statt. Bereits heute sind verschiedenste Formen von Telemedizin Teil des Alltags. Beispielsweise haben einige Praxen eine Online-Video-Sprechstunde eingeführt, die es Patienten erlaubt Zweitmeinungen einzuholen, Nachsorgetermine wahrzunehmen oder Vorbefunde gemeinsam mit ihrem Arzt zu besprechen. Ein Computer oder Laptop mit Webcam und eine Internetverbindung sind alles, was Patienten für derartigen Service benötigen. Das telemedizinische Angebot unter www.fernarzt.com vermittelt wiederum die Behandlung durch einen Fernarzt mittels Online-Sprechstunde und virtuellem Patienten-Fragebogen. Der Service erlaubt Verbrauchern unter anderem Folgerezepte von zuhause aus anzufordern, ohne in eine stationäre Praxis zu müssen. Die Vorteile von Telemedizin liegen scheinbar auf der Hand:

  • Verringerung unnötiger Praxisbesuche
  • Patienten lassen sich gezielt den richtigen Ärzten zuweisen
  • verbesserte Versorgung
  • hoher Komfort durch Videoanrufe
  • Reduzierung der Versorgungs- und Transportkosten
  • Notfallaufnahmen werden außerhalb der Praxisöffnungszeiten weniger belastet
  • Verringerung der Ansteckungsgefahr in Praxen
  • verkürzte Wartezeiten

Trotz der überzeugenden Vorzüge der Telemedizin liegt Deutschland im europäischen und weltweiten Vergleich weit hinten. Als führend gelten England, Schweiz und Skandinavien. Gesenkte Kosten und verbesserte Versorgung sind in England und der Schweiz sogar nachweisbar. Dennoch scheint Deutschland nicht untätig. Die Telemedizin spielt im Rahmen der aktuellen Diskussion über die Landflucht, die unter anderem die ärztliche Versorgung massiv beeinträchtigt, eine große Rolle. Die technischen Möglichkeiten sollen die medizinische Versorgung in ländlichen Gegenden verbessern.

Deutschland und die Aufholjagd in der Telemedizin

Im Vogtland will man offenbar nicht länger auf Verbesserung warten. Stattdessen soll das Pilotprojekt „Telematikunterstützung für die Impulsregion Vogtland 2020“ Versorgungslücken schließen, die im Kreis durch den Mangel an über 20 Hausärzten zustande kommt. Wie www.medienservice.sachsen.de berichtete, überreichte Staatsministerin Barbara Klepsch Zuwendungsbescheide über 1,4 Millionen Euro für das Modellvorhaben. Das Klinikum Obergöltzsch Rodewisch, der GeriNet e. V., die Westsächsische Hochschule Zwickau und Simba n³ GmbH sind die Projektpartner. Am Beispiel des Vogtlandkreises soll erprobt werden, ob mit Telematik die Patientenversorgung auf dem Land sichergestellt werden kann.

Im Fokus des Projektes stehen ambulante Servicezentren, die überall dort eingerichtet werden sollen, wo die Versorgung durch Hausärzte gar nicht oder nur knapp gewährleistet ist. Innerhalb der Zentren finden sich die Patienten ein, um Kontakt mit dem zugeschalteten Arzt aufzunehmen. Der Arzt muss somit nicht mehr in der Praxis vor Ort sein, sondern kann flexibel mit den Servicezentren kommunizieren. Statt Arzt sind als Besetzung medizinische Fachangestellte vorgesehen. Sie könnten Patienten voruntersuchen und bedarfsgerecht virtuelle Arztbesuche vereinbaren. Wie www.freiepresse.de am 11. Dezember 2017 bestätigte, wird das erste derartige Zentrum allerdings nicht wie geplant Mitte 2018 eröffnet. Stattdessen verzögert sich das gesamte Projekt um sechs Monate.

Verbesserte psychiatrische Versorgung in Vorpommern ausgezeichnet

In Vorpommern konnte die Telemedizin hinsichtlich der psychiatrischen Versorgung im Rahmen eines Projektes bereits wertvolle Dienste leisten (wir berichteten). Größere Entfernungen zu Therapeuten wurden damit überwunden und lange Wartezeiten für Patienten verringert. Das Projekt „Regionale telemedizinische Versorgung in der Psychiatrie“, das die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und das Institut für Community Medicine gemeinsam initiierten, wurde sogar mit dem Sonderpreis Community Medicine/Arztnetze des MSD-Gesundheitspreises geehrt.

Massive Abweichungen beim Honorar

In Westfalen-Lippe konnten sich kassenärztliche Vereinigung (KVWL) und Kassen auf einen Honorarvertrag für 2017 sowie 2018 einigen, womit 165 Millionen Euro zusätzliche Zahlungen durch gesetzliche Kassen für psychotherapeutische und vertragsärztliche Leistungen in den beiden Jahren einhergehen. Lange galt Westfalen-Lippe im Bundesdurchschnitt als Schlusslicht und die niedergelassenen Ärzte mussten sich mit dem niedrigsten Honorar zufriedengeben. Jetzt wurde die Vergütung zwar angehoben, im letzten Drittel befindet sich die Region aber noch immer. Ob das Geld auch bei den Hausärzten auf dem Land ankommt, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass höhere Honorare einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum haben. Auch in Hessen leiden Landärzte unter vergleichsweise geringem Honorar. Gegenüber ihren Kollegen in Baden-Württemberg und Bayern verdienen sie rund 30 Prozent weniger. Viele Ärzte zieht es längst in städtische Regionen und andere Bundesländer, wo die Vergütung deutlich besser ist.

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