Der „Grundwortschatz“ der Affen

Der „Grundwortschatz“ der Affen

Ob kurzes Keckern oder langes Fiepen – alle Äußerungen, die Weißbüschelaffen von sich geben, bestehen aus einzelnen Silben festgelegter Länge, wie Forscher um Dr. Steffen Hage vom Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) an der Universität Tübingen zeigen konnten. Diese kleinsten Einheiten der Lautäußerung und ihre rhythmische Erzeugung im Gehirn unserer Verwandten könnten auch eine Vorbedingung der menschlichen Sprache gewesen sein. Die Studie erschien nun im Fachmagazin Current Biology.

„Siebenmal in der Sekunde kann unser Sprechapparat eine Silbe formen“, sagt Steffen Hage. Egal ob Asterix „Ha!“ sage oder Mary Poppins „Supercalifragilisticexpialigetisch“ – wenn wir sprächen, dann bestehe das, was wir sagen, aus kleinsten Einheiten, die jeweils im Durchschnitt etwa eine Siebtelsekunde lang seien. Der Rhythmus, in dem Silben gebildet werden können, liegt ebenso in der Struktur unseres Kehlkopfes begründet wie in den Gehirnprozessen, die das Sprechen steuern. Diese biologischen Grundlagen der Sprache könnten schon bei unseren Vorfahren ähnlich gewesen sein.

Will man die Evolution der Sprache verstehen, liegt es nahe, deren biologische Grundlagen zuerst einmal bei unseren nahen Verwandten im Tierreich zu erforschen: den Primaten. Deren Vokalisation (Lautäußerungen) ist noch nicht ausreichend erforscht. Um den neurobiologischen Grundlagen der Vokalisation auf den Grund zu gehen, arbeitet die Forschergruppe des Neurowissenschaftlers Hage mit Weißbüschelaffen, einer südamerikanischen Primatenart. Diese steht uns evolutionär wesentlich näher als zum Beispiel die Sperlingsvögel, an deren Gesang Rhythmus und Länge von Einzelsilben bisher hauptsächlich untersucht wurden.

Das Keckern und Fiepen der Weißbüschelaffen haben die Forscher in einer Schallkammer aufgezeichnet. In unregelmäßigen Abständen wurden die natürlichen Lautäußerungen der Tiere dabei mit weißem Rauschen gestört; die Forscher „quatschten“ den Affen sozusagen „dazwischen“, woraufhin die ihre Laute abbrachen.

Thomas Pomberger, einer der Autoren der Studie, erklärt die Ergebnisse: „Das Fiepen von Weißbüschelaffen galt bisher neben ihren ‚Tsik’- und ‚Ekk’-Lauten quasi als Teil ihres Grundwortschatzes. Wir konnten nun sehen, dass die Tiere ihr Fiepen unterbrachen, wenn wir sie störten. Und das nicht an beliebigen Stellen, sondern immer nur an bestimmten Punkten.“ „Das langgezogene Fiepen besteht also aus kurzen Fiep-Bausteinen. Die haben ungefähr dieselbe Länge wie ein ‚Tsik’ oder ‚Ekk’, nämlich um die 100 Millisekunden“, fügt Ko-Autorin Cristina Risueno-Segovia hinzu. Ihr Doktorvater Hage folgert: „Bisher hat das langgezogene Fiepen einen solchen Schluss nicht erlaubt. Aber ich denke, wir konnten nun zeigen: Wie wir Menschen haben auch die Weißbüschelaffen einen ‚festverdrahteten’ Rhythmus, in dem sie Laute hervorbringen. Er hat sogar eine ähnliche Frequenz.“

Ein solcher Rhythmus könnte daher eine evolutionäre Notwendigkeit auf dem Weg zur Entwicklung von Sprache gewesen sein. Die vorliegende Studie zeigt, dass die Forschung mit Weißbüschelaffen dazu beitragen kann, Ursprünge und Eigenarten der menschlichen Sprache besser zu verstehen ‒ eine Frage, die in der Forschung bislang kontrovers diskutiert wird.

Publikation:
Thomas Pomberger, Cristina Risueno-Segovia, Julia Löschner, Steffen R. Hage: Precise Motor Control Enables Rapid Flexibility in Vocal Behavior of Marmoset Monkeys. In: Current Biology (in press). 22. Februar 2018, doi: 10.1016/j.cub.2018.01.070

Autorenkontakt:
Dr. Steffen Hage
Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN)
Otfried-Müller-Str. 25
72076 Tübingen
Telefon +49 7071 29-88898
steffen.hage[at]cin.uni-tuebingen.de

Pressekontakt CIN:
Dr. Paul Töbelmann
Wissenschaftskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN)
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Das Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften (CIN) ist eine interdisziplinäre Institution an der Eberhard Karls Universität Tübingen, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern. Ziel des CIN ist es, zu einem tieferen Verständnis von Hirnleistungen beizutragen und zu klären, wie Erkrankungen diese Leistungen beeinträchtigen. Das CIN wird von der Überzeugung geleitet, dass dieses Bemühen nur erfolgreich sein kann, wenn ein integrativer Ansatz gewählt wird.

idw 2018/02