Pflege 2030 – wer pflegt uns morgen?

Pflege 2030 – wer pflegt uns morgen?

Pflege morgen hängt von der Fähigkeit der Akteure heute ab, Komplettangebote für Pflege und Betreuung anzubieten und dabei „Plattformlösungen“ für Pflege zu entwickeln, so die Positionierung von Prof. Thomas Beyer, Vorstandsvorsitzender der AWO Bayern und Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg, der die Ringvorlesungsreihe „Pflege 2030 – wer pflegt morgen?“ der WLH für das Sommersemester abgeschlossen hat.

Pflege in der Zukunft

In seinem Vortrag gab Thomas Beyer einen Überblick über die Pflegestärkungsgesetze und ihre Auswirkungen für die Praxis. Vor allem das Verhältnis von ambulanter zu stationärer Pflege wurde intensiv beleuchtet. Die ambulante Pflege kann von den letzten Reformen stärker profitieren als die stationäre, was in vielen Fällen auch dem erklärten Wunsch der Gepflegten entspricht, möglichst lange zu Hause bleiben zu können. Dennoch müssen auch die Schattenseiten einer Intensivierung ambulanter Pflege bedacht werden. Der Großteil der ehrenamtlichen Pflege wird von Frauen erbracht, die neben Belastungen durch die Pflegearbeit auch mit Auswirkungen auf das rentenfähige Einkommen rechnen müssen. Auch gibt es immer weniger Angehörige, die eine Pflege leisten können, sei es durch Berufstätigkeit oder weil sie weit entfernt leben.

Mit wachsender Komplexität von Pflege, begründet durch wachsende Fallschwere am Ende des Lebens oder durch die zunehmenden Angebote in der Pflegewirtschaft, steige die Komplexität für pflegende Angehörige und für Gepflegte, so Prof. Beyer. Er plädierte dafür, nicht stereotyp dem Prinzip „ambulant vor stationär“ das Wort zu reden, sondern neue Angebots- und Organisationsmodelle von Pflege und Versorgung zu fördern. Exemplarisch stehen dafür neue Formen häuslich orientierter Pflege, die sich zwischen den Polen organisierter und ehrenamtlicher Pflege bewegt, in dem bspw. das Wohnen in eigenen Wänden mit ambulanten Dienstleistungen professioneller Anbieter kombiniert werden kann. Ein wesentlicher Treiber wird durch die Digitalisierung erfolgen, wo Klienten stärker „Angebote aus einer Hand“ oder „Plattformlösungen für die Pflege“ erwarten werden. Thomas Beyer sieht Verbände oder große Anbieter in der Pflicht, hier neue Wege zu gehen und tragfähig Lösungen zu entwickeln. Die Sozialwirtschaft dürfe nicht glauben, dass sie von den Veränderungen durch den Digitalisierungsprozess verschont bliebe, so das Fazit von Beyer.

Bernhard Schneider plädierte dafür, Organisationslösungen für eine Pflegeversorgung zu entwickeln, die Teilhabe und Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellen. Hier müssen stationäre Anbieter umdenken, um flexibler auf Betreuungs- und Versorgungsbedarfe von gepflegten Menschen als auch den pflegenden Angehörigen eingehen zu können. Daher könne eine Ergänzung stationärer Strukturen um spezielle Wohngruppenmodelle, die sich mit Angeboten ambulanter Versorgung und Betreuung verknüpfen können, eine geeignete Zukunftsoption sein. Es gehe darum, den Sozialraum mit einem gelungenen Mix aus professionalisierter Pflege, Förderung ehrenamtlicher pflegerischer Strukturen und gelungenen Technikeinsatz weiterzuentwickeln. In einer regen Diskussion wurde die Bedeutung einer Pflegeentwicklung skizziert, die sowohl über Sektorengrenzen hinweg als auch ins Quartier hinein angelegt ist. Die finanziellen Ungleichgewichte zwischen Betreuungs- und Behandlungspflege im Vergleich von ambulanter und stationärer Pflege seien daher nicht förderlich. Bernhard Schneider stellte einige Innovationsprojekte der Evangelischen Heimstiftung vor, die versuchen lebenslagenorientiert die Kompetenzen von Menschen mit Betreuungs- und Pflegebedarf vor Ort zu fördern. Ein Entwicklungsansatz dazu sei das Projekt ALADIEN, das Technik in der Wohnumgebung mit Informationsstrukturen für professionelle Pflegekräfte und ehrenamtliche Helfer koordinieren hilft.

idw 2017/07