Wie weit soll Bluthochdruck gesenkt werden?

Wie weit soll Bluthochdruck gesenkt werden?

Der optimale Blutdruck. Im Alter kommt es bei den meisten Menschen zu einem Anstieg des Blutdrucks. Die frühere Regel, wonach ein oberer systolischer Blutdruck von 100 plus Lebensalter normal ist, gilt schon lange nicht mehr. „Es ist nicht nur erwiesen, dass ein hoher Blutdruck im Alter das Risiko erhöht, an Schlaganfall oder Herzerkrankungen zu sterben“, berichtet Professor Bernhard Krämer, Direktor der V. Medizinischen Klinik an der Universitätsmedizin Mannheim. Auch der Nutzen einer medikamentösen Blutdrucksenkung ist durch Studien gut belegt. „Wer im Alter auf einen normalen Blutdruck achtet, lebt länger“, so der Vorstandsvorsitzende der DHL®.

Offen ist nur, bis zu welchem Wert der Blutdruck gesenkt werden sollte. Die aktuell gültigen, gemeinsamen Empfehlungen der European Society of Hypertension, European Society of Cardiology, Deutschen Hochdruckliga DHL® und der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie aus dem Jahr 2014 raten allen Menschen unter 80 Jahren mit einem systolischen Blutdruck von 160 mmHg oder höher zur Behandlung, wenn alle nichtmedikamentösen Maßnahmen keine Wirkung gezeigt haben. Dabei sollte ein Zielwert zwischen 140 bis 150 mmHg angestrebt werden. Sind die Patienten besonders leistungsfähig, können auch Werte unter 140 mmHg angestrebt werden. Zählen sie eher zur gebrechlichen Patientengruppe, wird der Blutdruck je nach individueller Verträglichkeit eingestellt. Auch für Personen über 80 Jahre gelten als Blutdruckziel zwischen 140 bis 150 mmHg; sofern sie in einem guten Allgemeinzustand sind.

Ob eine weitere Senkung vorteilhaft ist, wird seit Längerem diskutiert. Zwei größere Therapiestudien der letzten Jahre haben untersucht, ob eine Senkung des Blutdrucks auf den systolischen Normalwert von jungen Menschen von 120 mmHg vorteilhaft wäre. Dies waren die ACCORD-Studie mit fast 5000 Diabetikern und die SPRINT-Studie an über 9000 Nichtdiabetikern. „ACCORD und SPRINT kommen auf den ersten Blick zu konträren Ergebnissen“, berichtet Professor Krämer. In der ACCORD-Studie war die aggressive Blutdrucksenkung ohne Vorteile. „Die Einnahme der Medikamente schien den Patienten eher zu schaden“, so der Experte. „Die SPRINT-Studie wurde dagegen vorzeitig gestoppt, weil es unter der Blutdrucksenkung zu weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und weniger Todesfällen kam.“

Beide Studien müssen im Kontext mit früheren Untersuchungen betrachtet werden. Hierzu liegt eine aktuelle Übersicht und Meta-Analyse vor, die zur Vorbereitung einer neuen Leitlinie von zwei US-Gesellschaften erstellt wurde: Laut dem American College of Physicians (ACP) und der American Academy of Family Physicians (AAFP) ergebe diese Analyse, dass eine Blutdrucksenkung bei über 60-Jährigen auf unter 150 mmHg die Sterblichkeit senke, wobei der größte Effekt durch die Vermeidung von Schlaganfällen erzielt werde. Bei einer Absenkung des Blutdrucks auf unter 140 mmHg werde dagegen nur noch ein marginaler Zusatznutzen erzielt. Ein Vorteil für die Gesamtsterblichkeit sei dann in der Meta-Analyse nicht mehr nachweisbar. Das American College of Physicians und die American Academy of Family Physicians raten aufgrund der Ergebnis-Analyse, den Blutdruck bei älteren Menschen über 60 nur auf 150 mmHg zu senken. Nur bei Patienten, die bereits einen Schlaganfall hatten oder unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden, sollte der Versuch unternommen werden, den Blutdruck auf unter 140 mmHg zu senken.

Die Deutsche Hochdruckliga teilt diese Empfehlungen nicht: „Bei Betrachtung der Studien zeigen sich in der Meta-Analyse von Weiss et al. ein signifikant besseres Gesamtüberleben, signifikant weniger Schlaganfälle und signifikant weniger kardiale Ereignisse, wenn der obere, der systolische, Blutdruckwert auf unter 140 mmHg gesenkt wird“, gibt Professor Krämer zu Bedenken. Gerade die Mehrheit der über 60-Jährigen habe zudem ein erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. „Daher sollte der Blutdruck gerade in dieser Altersgruppe auf mindestens unter 140 mmHg gesenkt werden.“

Auch die von den US-Gesellschaften angesetzte Altersgrenze von 60 Jahren sei ein zufälliges Ergebnis und vor allem durch das Durchschnittsalter der Patienten in den untersuchten Studien bestimmt. Als Altersgrenze komme allenfalls das 80. Lebensjahr in Frage, so die Einschätzung des Experten. Ein viel wichtigerer Maßstab sei die individuelle körperliche und geistige Verfassung des Patienten.

***Bei Veröffentlichung Beleg erbeten.***

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Quellen
Stellungnahme der Hochdruckliga
https://www.hochdruckliga.de/stellungnahme/items/positionierung-zur-empfehlung-der-leitlinienanpassung-durch-acp-und-aafp.html

Jessica Weiss et al.: Benefits and Harms of Intensive Blood Pressure Treatment in Adults Aged 60 Years or Older: A Systematic Review and Meta-analysis. Annals of Internal Medicine 2017;
doi: 10.7326/M16-1754
http://annals.org/aim/article/2598412/benefits-harms-intensive-blood-pressure-treatment-adults-aged-60-years

Amir Qaseem et al.: Pharmacologic Treatment of Hypertension in Adults Aged 60 Years or Older to Higher Versus Lower Blood Pressure Targets: A Clinical Practice Guideline From the American College of Physicians and the American Academy of Family Physicians. Annals of Internal Medicine 2017;
doi: 10.7326/M16-1785
http://annals.org/aim/article/2598413/pharmacologic-treatment-hypertension-adults-aged-60-years-older-higher-versus

idw 2017/01