Allein an Weihnachten: Gut geplant schön feiern – Interview mit Diplom-Psychologin Ulrike Plogstieß

Allein an Weihnachten: Gut geplant schön feiern – Interview mit Diplom-Psychologin Ulrike Plogstieß

Für die meisten Kinder ist die Sache klar: An Weihnachten gibt es Geschenke und die Familie kommt zusammen. Doch wie können Menschen ohne Angehörige die Tage zwischen dem 24. und 27. Dezember angenehm gestalten? Schließlich feiern die wenigsten gern alleine, und gerade an Heiligabend empfinden viele Einsamkeit als besonders quälend. Dagegen gilt es, Strategien zu entwickeln. Im Interview mit dem ams-Ratgeber gibt Ulrike Plogstieß, Diplom-Psychologin im AOK-Bundesverband, Tipps, wie sich Alleinlebende ein schönes Weihnachtsfest bescheren können.

Warum ist es Weihnachten besonders schwer, alleine zu sein?
Plogstieß
: Mit dem Weihnachtsfest verbindet man Feiern, Gemeinschaft und Geborgenheit – alleine feiern ist dagegen schwierig. Außerdem sind die Erwartungen an Weihnachten allgemein sehr hoch. Die Werbung suggeriert, dass während der Festtage ausschließlich glückliche Familien eine schöne, harmonische Zeit miteinander verbringen. Aus diesem Grund empfinden es viele zu Weihnachten als bedrückend, alleine zu sein, auch wenn es ihnen sonst nicht viel ausmacht. An diesen Tagen wird ihnen ihre Einsamkeit besonders bewusst.

Wie viele Menschen sind davon betroffen?
Plogstieß
: Das kann man schwer sagen. Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2008 in Deutschland etwa 17 Millionen Alleinstehende, das ist etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Ein Großteil der allein stehenden Frauen ist über 70 und verwitwet. Bei den Männern überwiegen die Ledigen, die noch im Berufsleben stehen. Single zu sein bedeutet aber nicht automatisch, alleine zu sein. Die meisten haben Eltern, Verwandte, Freunde oder Nachbarn, mit denen sie die Feiertage verbringen können.

Wer ist denn wirklich alleine?
Plogstieß
: Einsam sind diejenigen, die keine Gemeinschaft haben, in der sie aufgehoben sind. Es gibt auch viele Menschen, die sich in einer Partnerschaft alleine fühlen – etwa, weil sie sich mit ihrem Partner auseinander gelebt haben.

Wie können sich Alleinstehende auf das Fest vorbereiten?
Plogstieß
: Sie sollten keine zu hohen Erwartungen haben und sich im Vorfeld Gedanken darüber machen, wie sie die Feiertage verbringen möchten. So können Singles überlegen, mit wem sie zusammen feiern möchten. Eventuell werden sie von einer befreundeten Familie eingeladen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, selbst Leute einzuladen oder etwas zu unternehmen.

Was kann man tun, wenn man Gesellschaft sucht, aber nicht eingeladen wird?
Plogstieß
: Wichtig ist es, aktiv zu werden, indem man verschiedene Menschen anspricht und überlegt, wer zu Weihnachten auch alleine ist. Das können Verwandte, Freunde oder Nachbarn sein. Alleinerziehende Mütter oder Väter könnten sich mit anderen Alleinerziehenden zusammentun und mit ihnen gemeinsam Weihnachten feiern.

Was kann man an den Feiertagen unternehmen?
Plogstieß
: An Heiligabend und an den Feiertagen gibt es viele Veranstaltungen, zum Beispiel Gottesdienste, Konzerte oder Theateraufführungen. Jüngere, die auf traditionelle Rituale wenig Wert legen, treffen sich auf Weihnachtspartys oder in der Kneipe mit Gleichgesinnten. Manche ziehen es vor, über die Feiertage zu verreisen. Wer will, kann eine Reise buchen, bei der Ausflüge, Wanderungen, Abendessen und Partys mit anderen Singles auf dem Programm stehen. Man kann auch Sport treiben oder anderen etwas Gutes tun, denen es schlechter geht – zum Beispiel, indem man sich in einer Suppenküche engagiert.

Was können sich Ältere vornehmen?
Plogstieß
: Sie können rechtzeitig vor dem Fest Kontakt zu Verwandten und Bekannten aufnehmen. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit für ein Treffen an den Feiertagen. Sie können auch bei gemeinnützigen Organisationen anrufen und nachfragen, ob sie eine offene Weihnachtsfeier planen, zu der jeder kommen kann. Dort können sie mit anderen ins Gespräch kommen. Solche Angebote finden sich auch im Internet oder in Tageszeitungen. Wer alleine bleibt, kann sich selbst beschenken oder etwas gönnen, zum Beispiel ein gutes Essen. Wem es nicht gut geht, kann auch während der Feiertage bei der Telefonseelsorge anrufen und sich den Kummer von der Seele reden.

idw 2010/11