Die Sozial-, Wirtschafts- und Verhaltensforschung sowie die Gesundheitsforschung und Epidemiologie wären ohne bevölkerungsweite Längsschnittstudien kaum denkbar. Sie liefern die Datenbasis, um Theorien zu testen, neue Beobachtungen in Stichproben der Gesamtbevölkerung zu machen und evidenzbasierte Politikberatung zu leisten. Mehr als 30 solcher Studien gibt es derzeit in Deutschland. Bekannte Beispiele sind das Sozio-ökonomische Panel, das Nationale Bildungspanel und die Nationale Kohorte. Zudem ist Deutschland an internationalen Erhebungen beteiligt, zum Beispiel dem Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe. Allen gemeinsam ist, dass sie repräsentative Stichproben nicht nur einmal ziehen, sondern über längere Zeiträume hinweg mehrere Befragungen einer möglichst gleichbleibenden Gruppe von Menschen durchführen. So können Entwicklungen im Zeitverlauf dokumentiert werden.

Je länger die regelmäßigen Erhebungen bereits durchgeführt werden, desto wertvoller ist ihr Datenschatz für die wissenschaftliche Auswertung. Die „ältesten“ noch laufenden Längsschnittstudien in Deutschland wurden Mitte der 1980er Jahre begonnen. Die Fortführung dieser großen Studien über lange Zeiträume ist jedoch aufwändig. Sie sind gewissermaßen die „Großgeräte“ der sozialwissenschaftlichen Forschung, vergleichbar mit Teilchenbeschleunigern oder Forschungsschiffen. Derzeit weist die Infrastruktur der Längsschnittstudien, insbesondere hinsichtlich der Förderinstrumente und der Aus- und Weiterbildung der Studien-Mitarbeiter, Mängel auf. Darauf weisen die Akademien in der Stellungnahme „Wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung bevölkerungsweiter Längsschnittstudien“ hin.

Die Akademien empfehlen darin für die nachhaltige Durchführung von Längsschnittstudien unter anderem, die Förderung von Längsschnittstudien als nationale Aufgabe aufzufassen und Ausschreibungen der Fördermittel häufiger auf interdisziplinäre Forschungskooperationen auszurichten. Die Finanzierung sollte zeitlich nicht begrenzt, sondern solange ermöglicht werden, wie das wissenschaftliche Interesse und die Qualität der Erhebungen nachgewiesen werden können. Die Akademien befürworten eine bessere Koordinierung der Erhebungen auf europäischer Ebene. Hierfür müssen unter anderem Finanzierungsmechanismen geschaffen und der Datentransfer über Landesgrenzen hinweg erleichtert werden. Hinsichtlich des wissenschaftlichen Personals der Studien empfehlen die Akademien verlässlichere Karrierepfade und Weiterbildungen im Projektmanagement für leitende Studienmitarbeiter. Zudem zeigt die Stellungnahme Wege in eine verbesserte Ausbildung von Studierenden, Doktoranden und Postdoktoranden in der Konzeption, Durchführung und Auswertung von Studien auf.

Wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung bevölkerungsweiter Längsschnittstudien. Stellungnahme der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften, der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, 99 S., ISBN: 978-3-8047-3552-1

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften unterstützen Politik und Gesellschaft unabhängig und wissenschaftsbasiert bei der Beantwortung von Zukunftsfragen zu aktuellen Themen. Die Akademiemitglieder und weitere Experten sind hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland. In interdisziplinären Arbeitsgruppen erarbeiten sie Stellungnahmen, die nach externer Begutachtung vom Ständigen Ausschuss der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina verabschiedet und anschließend in der Schriftenreihe zur wissenschaftsbasierten Politikberatung veröffentlicht werden. Für das Projekt „Wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung bevölkerungsweiter Längsschnittstudien“ hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Federführung übernommen.
www.leopoldina.org
www.acatech.de
www.akademienunion.de

idw 2016/06