Brustkrebs ist die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Etwa jede achte Frau ist im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Das Mammakarzinom bildet mit 30,8 % nach wie vor auch den größten Anteil tumorbedingter Sterbefälle bei Frauen in Deutschland.(1)

Die Situation hat sich in den vergangenen 30 Jahren durch Fortschritte hinsichtlich Prävention, Diagnose und Therapie dieser Erkrankung bereits deutlich verbessert. Mit dem Einsatz besserer bildgebender Verfahren sowie Früherkennungsprogrammen werden viele Karzinome inzwischen in früheren Stadien entdeckt: Nach 2015 in den USA publizierten Daten erfolgt bei 61 Prozent der Brustkrebsfälle eine Diagnose im lokalisierten Stadium (ohne Lymphknotenbeteiligung oder Ausbreitung in brustfremdes Gewebe) mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von 99%. Hatte das Mammakarzinom bereits in Gewebe oder Lymphknoten der Achselhöhle gestreut (regionales Stadium), war die 5-Jahres-Überlebensrate 85% sowie bei Ausbreitung in schlüsselbeinnahe oder weiter entfernte Lymphknoten oder Organe nur noch 25%. (2)

5 Jahre nach nach Erstdiagnose: 87% der Brustkrebs-Patientinnen leben

Das Robert-Koch-Institut beschreibt für Deutschland die Ausdehnung des Primärtumors (T0-T4) bei Erstdiagnose: 52% der Patientinnen wiesen bei Feststellung das Stadium T1 (Tumor < 2 cm) auf, 37% T2 (> 2 < 5 cm), 5% T3 (> 5 < 10 cm) und 6% T4 (Tumor in Brustwand oder Haut eingewachsen).(1)  Insgesamt leben in Deutschland 5 Jahre nach der Erstdiagnose noch 87% der Betroffenen.(1)  Bei 5–10% der Patientinnen ist der Brustkrebs bereits zum Zeitpunkt der Erstdiagnose fernmetastasiert.(3) Trotz Fortschritten in der adjuvanten Therapie treten zudem bei etwa 20% der Patientinnen im Verlauf der Erkrankung Fernmetastasen auf. (4,5)  Damit ist die Therapie in der Regel dann palliativ.(6)

Therapie des HR-positiven Mammakarzinoms in der fortgeschrittenen Situation

Die endokrine Therapie stellt heute für Patientinnen mit fortgeschrittenem Mammakarzinom, positivem Hormonrezeptorstatus und nicht lebensbedrohlicher Erkrankungssituation den ersten Therapieschritt dar (6,7). Eine Ausnahme ist vitale Bedrohung oder Bedrohung von Organfunktionen durch die Metastasierung.(6,7)  Die Remissionsraten der endokrinen Therapie liegen bei etwa 30-40%.(6) Im Vergleich zur Chemotherapie sind die Nebenwirkungen geringer und die Remissionsdauer ist länger.(6)
Bei HER2-positivem Karzinom (A) wird die endokrine Therapie in Kombination mit einer anti-HER2-Therapie (HER2: Human Epidermal growth factor Receptor 2) durchgeführt.(6)

Problem bei endokriner Therapie – Resistenzentwicklung und Tumorprogression

Ungefähr 50% der Patientinnen mit fortgeschrittenem HR+ (Hormonrezeptor-positiv), HER2/neu-negativem Mammakarzinom sprechen nicht auf die initiale endokrine Therapie an. Zusätzlich entwickeln nahezu alle Patientinnen, die auf eine endokrine Therapie ansprachen, eine Resistenz.(8,9) Gerade in diesem Bereich werden neue Therapieoptionen für die Patientinnen benötigt.

In präklinischen und klinischen Studien konnte gezeigt werden, dass bei der Resistenzentwicklung und Tumorprogression die Überaktivierung des PI3K/AKT/mTOR-Signalwegs (PI3K: Phosphoinositid-3-Kinase; AKT: Aktivierte Proteinkinase B; mTOR: mammalian Target Of Rapamycin (Ziel des Rapamycins im Säugetier)) eine entscheidende Rolle spielt. Die Strategie des dualen Wirkansatzes mit kombinierter mTOR- und Aromatase-Inhibition zielt darauf ab, die Resistenz zu überwinden und die Zellproliferation zu hemmen.(10,11,12,13)

Inaktivität und Depression als Folge der Diagnose Brustkrebs

Für die Brustkrebs-Patientinnen eröffnet sich mit der Sekunde der Diagnosestellung ein Lebensabschnitt, der alles Bisherige auf den Kopf stellt. Fragen zum medizinischen Hintergrund der Erkrankung und der Therapie stehen zunächst im Vordergrund. Aber auch die Suche nach dem persönlichen „Wie geht es weiter?“ beschäftigen die meisten Patientinnen rund um die Uhr. Die Folgen sind häufig eine bewusste Inaktivität und Schonung. Daraus können depressive Verstimmungen und ein sinkendes Selbstwertgefühl resultieren. Es drohen Rückzug und Isolation. Für PD Dr. Freerk Baumann, Leiter der Arbeitsgemeinschaft `Bewegung, Sport und Krebs` am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule in Köln ist es daher nur allzu verständlich, wenn sich  30% aller Krebspatienten ein Jahr nach der medizinischen Therapie weniger als zuvor bewegen. (14)

Einfluss von körperlicher Aktivität auf Lebensqualität von Brustkrebs-Patientinnen

Dem läßt sich erfolgreich entgegenwirken. Körperliche Aktivitäten sind gefragt und verhelfen der Patientin zu mehr Wohlbefinden. F. Baumann vermeidet dabei ganz bewußt den Begriff „Sport“ sondern spricht immer wieder von „Bewegung“ und „körperlichen Aktivitäten“. Dabei muß es nicht immer das ausgearbeitete (Fitness-)Programm sein. Schon einfache Bewegungen wie die tägliche Hausarbeit oder Gartenarbeit bis hin zu gesteigerten Aktivitäten wie Radfahren und Walken verhelfen, bewußt erlebt, zu mehr Lebensqualität. Wichtig ist, dass die Intensität, Dauer und die Art der Bewegung ganz individuell gesteuert werden.

Die positiven Auswirkungen körperlicher Aktivitäten sind belegt. Es steigen körperliche Leistungsfähigkeiten sowie Arm- und Schulterbeweglichkeit. Die Müdigkeit (Fatigue) sinkt und Risiken für Osteoporose, Lymphödeme und Polyneuropathien werden vermindert. Einher gehen ein gesteigertes Selbstwertgefühl der Patientinnen und mehr Vitalität. Wer körperlich aktiv ist, kommuniziert mehr und befreit sich aus seiner lähmenden Isolation. Körperliche Aktivitäten fördern daher (auch) bei Brustkrebs-Patientinnen eine verbesserte Lebensqualität.

Körperliche Aktivität mindert Sterblichkeitsrisiko

Eine Metaanalyse von 16 Studien beim Mammakarzinom hat ergeben (15), dass auch das Sterblichkeitsrisiko um 24% sinkt, wenn die körperliche Aktivität um ca. 2,5 Std. pro Woche mit „etwas anstrengender Aktivität“ gesteigert wird. Die Wissenschaftler stellten bei der Auswertung der Studien fest, dass der positive Effekt unabhängig vom Gewicht, dem Menopausen- oder Hormonrezeptorstatus ist.

Aus allen diesen Gründen sollte die Bewegungstherapie für PD Dr. Freerk Baumann eine wesentliche Säule in der Betreuung onkologischer Patienten sein. Der betreuende Arzt muss dabei nicht zum Bewegungsspezialisten mutieren. Er ist dabei vielmehr Mediator und Motivator. Ärzten, die aktiv sind, fällt es dabei wohl leichter, ihre Patienten zu mehr Bewegung zu motivieren. PD Dr. Baumann: „Je aktiver der Arzt desto aktiver seine Patienten.“

Quellen:

  1. Robert Koch-Institut (Hrsg.), Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (Hrsg.). Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Krebs in Deutschland 2011/2012, 10. Ausgabe, 2015. Online unter: https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/kid_2015/krebs_in_deut schland_2015.pdf?__blob=publicationFile. Letzter Zugriff: 19.05.2016.
  2. American Cancer Society. Cancer Facts & Figures 2015. Atlanta: American Cancer Society; 2015.
  3. Buckley N and Isherwood A: Breast cancer. Decision resources March 2011:1-301.
  4. Brewster AM et al.: Residual risk of breast cancer recurrence 5 years after adjuvant therapy. J Natl Cancer Inst 2008; 100:1179-1183.
  5. MBC Advocacy Working Group: Bridging gaps, expanding outreach: Metastatic Breast Cancer Advocacy Working Group consensus report. The Breast 2009; 18:273-275.
  6. Onkopedia Leitlinien der DGHO, Leitlinie Mammakarzinom der Frau, Stand Mai 2016. Online unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/mammakarzinom-der-frau/@@view/html/index.html. Letzter Zugriff: 19.06.2016.
  7. Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie e.V. (AGO): Guidelines Breast Version 2015. Diagnostik und Therapie primärer und metastasierter Mammakarzinome: Endokrine und zielgerichtete Therapie des metastasierten Mammakarzinoms. Online unter: http://www.ago- online.de/fileadmin/downloads/leitlinien/mamma/maerz201/de/2015D_Alle_aktuellen_Empfehlungen.pdf. Letzter Zugriff: 19.05.2016.
  8. Normanno N et al.: NCI-Naples Breast Cancer Group. Mechanisms of endocrine resistance and novel therapeutic strategies in breast cancer. Endocr Relat Cancer 2005; 12(4):721-747.
  9. Osborne CK and Schiff R: Mechanisms of endocrine resistance in breast cancer. Annu Rev Med 2011; 62:233-247.
  10. Johnston SR et al.: Clinical efforts to combine endocrine agents with targeted therapies against epidermal growth factor receptor/human epidermal growth factor receptor 2 and mammalian target of rapamycin in  breast cancer. Clin Cancer Res 2006; 12:1061S-1068S.
  11. Baselga J et al.: Phase II randomized study of neoadjuvant everolimus plus letrozole compared with placebo plus letrozole in patients with estrogen receptor-positive breast cancer. J Clin Oncol 2009; 27:2630-2637.
  12. Beeram M et al.: Akt-induced endocrine therapy resistance is reversed by inhibition of mTOR signaling. Ann Oncol 2007; 18:1323-1328.
  13. Boulay A et al.: Dual inhibition of mTOR and estrogen receptor signaling in vitro induces cell death in models of breast cancer. Clin Cancer Res 2005; 11(14):5319-5328.
  14. Blanchard CM et al. Am J. Health Behav 2003: 27: 246-56
  15. Schmid D et al. Annals of Oncology 2014: 25: 1293 – 1311
  16. Workshops am 26.05.2016 im Rahmen des Senologiekongresses, DresdenVeranstalter: Novartis
    1. Wenn die endokrine Therapie nicht mehr wirkt … Was dann? Eine klinische und wissen­schaftliche Herausforderung
      Referenten: Dr. Hans-Christian Kolberg, Dr. Friedrich Overkamp
    2. Lifestyle: Körperliche Aktivität immer wichtiger!
      Referenten: Prof. Freerk Baumann, Prof. Florian Schütz
MEDIZIN ASPEKTE / Dr. Joachim Wolff