Wenn Patienten googlen, fühlen sie sich gesünder

Tübingen, 03.03.2016. Plötzliche Kälte, wechselhafte Temperaturen und Regen – bei diesem Wetter haben Viren ein leichtes Spiel. Patienten suchen bei vielen Erkrankungen das Gespräch mit Ihrem Arzt, doch dies wird häufig als zu kurz oder oberflächlich empfunden. Erkrankte nutzen daher das Internet, um ihre Diagnose besser zu verstehen und Informationen über das Heilungsverfahren oder den Krankheitsverlauf zu erfahren.

Psychologen des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“ haben herausgefunden, dass Patienten nach medizinischen Diagnosen und im Falle eines von Krankheit ausgehenden Gefühls der Bedrohung Informationen über ihre Krankheit bei der Internetsuche einseitig aufnehmen. Dabei ist überraschend: Je schwerer die Erkrankung, desto zuversichtlicher fühlen sich Menschen nach intensiver Internetrecherche in Bezug auf ihre eigene Gesundheit.

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Den Grund vermuten die Wissenschaftler darin, dass das Gefühl von Einschränkung und persönlicher Bedrohung, wie es häufig durch eine medizinische Diagnose ausgelöst wird, zu einer einseitigen Informationsauswahl und Verarbeitung führt. Das bedeutet, dass sich viele Menschen unter Bedrohung bei ihrer Internetrecherche unbewusst auf die positiven Informationen konzentrieren und negative ausblenden, wie der Psychologe Prof. Dr. Kai Sassenberg erklärt: „Um das Gefühl der Bedrohung zu reduzieren, wählen Patienten bei der Informationssuche im Internet mehr positive Links aus und erinnern sich öfter an positive Informationen aus gelesenen Texten.“ Erkrankte formen sich so einen verfälschten Eindruck von ihrer eigenen Situation, denn sie übersehen potentielle negative Verläufe ihrer Krankheit.

Da Patienten nach der Internetsuche häufig mit diesem einseitigen Bild zum Arzt zurückkehren, sehen sich Ärzte neuen Herausforderungen gegenüber. In einer Zusammenarbeit mit Dozenten des Universitätsklinikums Tübingen arbeiten die Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Wissensmedien derzeit im Rahmen des Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen an Unterrichtseinheiten für zukünftige Ärzte. Darin lernen Medizinstudierende den angemessenen Umgang mit (fehl-)informierten Patienten.

Studie:
http://dx.doi.org/10.2196/jmir.5140 (ab 05.03.2016)

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Kai Sassenberg
Leibniz-Institut für Wissensmedien
Schleichstraße 6, 72076 Tübingen
k.sassenberg@iwm-tuebingen.de
07071/979-220.

Weitere Informationen zum Leibniz-WissenschaftsCampus:
Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen
Meike Romppel M.A. (Koordination)
Leibniz-Institut für Wissensmedien
Schleichstraße 6, 72076 Tübingen
m.romppel@iwm-tuebingen.de
07071/979-213.

Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen „Bildung in Informationsumwelten“
Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen ist ein interdisziplinärer Forschungsverbund des Leibniz-Instituts für Wissensmedien Tübingen und der Eberhard Karls Universität Tübingen. Weitere Partner sind das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim, die Albert-Ludwigs-Universität und die Pädagogische Hochschule Freiburg, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung Bonn und die Hochschule der Medien in Stuttgart. Die Grundidee des Leibniz-WissenschaftsCampus ist es, außeruniversitäre und universitäre Forschung zu vernetzen, um ein Maximum an Grundlagenforschung und Anwendungsrelevanz zu generieren.
Die Forschung im Verbund widmet sich Bildungsprozessen in modernen Wissens- und Informationsgesellschaften und betreibt fachübergreifende Bildungsforschung. Die Expertise der 60 beteiligten Wissenschaftler erstreckt sich von Psychologie, Informatik, Erziehungswissenschaft, Soziologie, Wirtschaftswissenschaft, Medienwissenschaft bis hin zu Medizin.
Bildung und Lernen – zwei Begriffe, die hauptsächlich mit realen Orten wie Schule oder Hochschule verbunden sind. Das digitale Zeitalter schafft jedoch neue Lernorte, erweitert die Quellen für Informationen und lässt Nutzer auch zu Produzenten von Wissen werden. Medien, allen voran das Internet verändern den Wissenserwerb und Bildung nachhaltig. Aus der Fülle der Informationen stellen sich Lernende nach ihren Interessen, Bedürfnissen und Fähigkeiten ihre bildungsrelevanten Informationen zusammen und schaffen so ihre persönliche Informationsumwelt. Der Leibniz-WissenschaftsCampus Tübingen geht der Frage nach, wie Informationsumwelten den Wissenserwerb bereichern, aber auch wie Technologien gestaltet sein müssen, um Barrieren und Verzerrungen beim Lernen entgegenzuwirken.

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Das Leibniz-Institut für Wissensmedien
Das Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen erforscht das Lehren und Lernen mit digitalen Technologien. Rund 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kognitions-, Verhaltens- und Sozialwissenschaften arbeiten multidisziplinär an Forschungsfragen zum individuellen und kooperativen Wissenserwerb in medialen Umgebungen.

idw 2016/03
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