Unternehmer, Mitte 20, Top 30 in Europa

Unternehmer, Mitte 20, Top 30 in Europa

Die zündende Idee kam Sinan Denemec, David Fehrenbach und Moritz Knoblauch auf dem Oktoberfest. Denemec arbeitete als Krankenpfleger, und so dachten die Freunde darüber nach, wie schwierig für viele Patienten und alte Menschen die meistausgeführte Handlung auf dem Volksfest ist: aus einem Glas zu trinken. Den Arm zu heben, den Unterarm zu drehen und den Kopf in den Nacken zu legen, während sich das Glas langsam leert – dieser Bewegungsablauf kann bei Krankheiten wie Parkinson oder in hohem Alter zur Qual werden.

Fehrenbach und Knoblauch studierten an der TUM Maschinenbau mit Schwerpunkt Medizintechnik und gingen das Problem technisch an: Das Team entwickelte eine Art Beutel aus Silikon, der in ein Glas eingesetzt und an dessen oberen Rand befestigt wird. Wird ein Getränk in den Beutel gefüllt, kann er sich bis zum Boden des Glases ausdehnen. Wird das Getränk dann getrunken, passt sich der Beutel der Menge an Flüssigkeit an – und zwar so, dass die Flüssigkeit stets an den oberen Rand des Glases reicht. Wer dieses Glas leer trinkt, muss deshalb weder den Kopf bewegen noch die Haltung des Armes anpassen.

Erst ins Bootcamp, dann in den Inkubator

Idee und Einsatz des Trios überzeugte die Jury von „Forbes 30 Under 30 Europe – Science and Healthcare“, in der Wissenschaftler der John Hopkins University, der Max-Planck-Gesellschaft und der Autonomen Universität Barcelona sitzen. Schon seit Jahren macht das Wirtschaftsmagazin in den USA herausragende Persönlichkeiten ausfindig, die jünger als 30 Jahre sind und mit ihrer Leistung Impulse für die Zukunft geben. Nun hat es seine „30 Under 30“-Liste erstmals für Europa veröffentlicht.

Sinan Denemec, David Fehrenbach und Moritz Knoblauch bereiten derzeit die Gründung ihres Unternehmens iuvas im Entrepreneurship Center der TUM vor. Im sogenannten Inkubator stellt die TUM mehreren Teams, die ein Start-up planen, Räume zur Verfügung. Unter demselben Dach können die Teams ein umfangreiches Förderangebot von TUM und UnternehmerTUM GmbH nutzen: von der Gründungsberatung über die High-Tech-Werkstatt „MakerSpace“ bis zu Workshops wie dem „MedTech Bootcamp“, bei dem das iuvas-Trio seine Geschäftsidee ausarbeitete. In dem Center forschen zudem diejenigen Wirtschaftswissenschaftler der TUM, die auf das Thema Entrepreneurship spezialisiert sind. So können Forscher und Praktiker täglich voneinander lernen.

Kein Technologieunternehmen wächst in Deutschland schneller

Von dieser umfangreichen Förderung profitiert hat bereits Alexander Rinke. Nachdem er an der Pariser École polytechnique und der TUM Mathematik studiert sowie bei der Versicherung Munich Re und einem Fonds gearbeitet hatte, gründete er 2011 mit den TUM-Absolventen Martin Klenk (Informatik) und Bastian Nominacher (Finance and Information Management) das Unternehmen Celonis. Das Team entwickelte eine sogenannte Process-Mining-Software, mit der Unternehmen ihre laufenden Geschäftsprozesse auswerten, visualisieren und sie anhand der Ergebnisse verbessern können. Heute ist Celonis nicht nur Weltmarktführer im Process Mining, sondern laut einem Ranking der Unternehmensberatung Deloitte auch das am schnellsten wachsende Technologieunternehmen Deutschlands. Grund genug für „Forbes“, den 26-jährigen Rinke auf die „30 Under 30 Europe“-Liste zu setzen. Er ist bei Celonis für die Betreuung strategischer Großkunden und die Weiterentwicklung der Technologie zuständig.

Das Celonis-Team wurde ebenfalls von der TUM-Gründungsberatung unterstützt und mit einem EXIST-Gründerstipendium gefördert, bei dem die Universität einen Mentor und Arbeitsplätze stellt. Auch jetzt noch tauschen sich die Unternehmer mit mehreren Lehrstühlen aus. Alexander Rinke engagiert sich als Business Angel und mit seinen Kollegen zudem in verschiedenen Programmen der TUM zu Unternehmertum und Berufsorientierung. So wirken die Alumni auch als Vorbilder für Studierende bei der Entscheidung, ein Unternehmen zu gründen.

Die TUM hat deshalb 2015 ihren „Presidential Entrepreneurship Award“ an Celonis vergeben. Dieser mit 10.000 Euro dotierte Preis ist ein Baustein der Entrepreneurship-Strategie, mit der die TUM Studierende sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für das Unternehmertum motiviert. Seit 1990 sind mehr als 700 Unternehmen mit heute rund 14.000 Arbeitsplätzen aus der TUM hervorgegangen. Laut dem jüngsten „Gründungsradar“ des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft fördert keine große Hochschule Unternehmensgründungen so gut wie die TUM.

idw 2016/01