Brückenschlag zwischen Grundlagenforschung und klinischer Anwendung

Brückenschlag zwischen Grundlagenforschung und klinischer Anwendung

Fast jeder Dritte erlebt mindestens einmal in seinem Leben eine schwere psychische Störung. Ob Depression, Zwangsstörung oder schizophrener Schub – in manchen Fällen sind jahrelange Krankheitsgeschichten die Folge. Hinzu kommt die wachsende Zahl der Demenzkranken, auch verursacht durch die steigende Lebenserwartung. Eine entsprechende Zunahme der Kosten für Diagnose und Therapie psychischer Erkrankungen ist zu erwarten. Doch die bisherigen Methoden der Diagnosestellung als auch die häufig langwierigen Therapien psychischer Störungen erweisen sich oft als unzureichend. Fortschritte im Bereich der sog. Neurotechnologie versprechen diese Situation in naher Zukunft wesentlich zu verbessern.

In Tübingen fand jetzt ein erstes internationales Symposium unter dem Titel „Transient Dynamic Brain States“ statt, bei dem die Kombination von modernsten bildgebenden Verfahren, beispielsweise der Ganzkopf-Magnetenzephalographie (MEG) mit speziellen mathematischen Algorithmen sowie nicht-invasiver elektrischer Hirnstimulation, vorgestellt wurde. Mit Hilfe der MEG ist es möglich, die extrem schwachen Veränderungen von Magnetfeldern im Millisekunden-Bereich zu messen, die entstehen, wenn elektrische Ströme im Gehirn fließen. Damit ist dieses Verfahren in der Untersuchung dynamischer Veränderungen von Hirnaktivität anderen bildgebenden Verfahren, die beispielsweise langsame Veränderungen des Hirnstoffwechsels messen, weit überlegen.

Surjo Soekadar, Neurowissenschaftler und Arzt an der Universitätsklinik Tübingen und Organisator des Symposiums, ist davon überzeugt, dass die zugrunde liegenden Mechanismen psychischer Störungen mit Hilfe der MEG und vergleichbarer Methoden schon sehr bald viel besser verstanden werden können. „Für die Diagnostik und effektive Behandlung psychischer Erkrankungen ist die Entwicklung innovativer neurotechnologischer Methoden im klinischen Alltag essentiell“, so Soekadar.
Darüber hinaus verspreche der Einsatz von Neurotechnologie auch Verbesserungen in der Prävention und sog. Rezidivprophylaxe psychischer Störungen. Hier kann beispielsweise die kontinuierliche Ermittlung des individuellen Stressniveaus oder des Schlaf-Wach-Rhythmus eine wichtige Rolle spielen. „Dennoch bleibt die Neurotechnologie ein Hilfsmittel und kann eine enge Arzt-Patienten Beziehung niemals ersetzen“, so Soekadar.

Das Symposium versammelte international führende Köpfe der Neurowissenschaften aus Kanada, den USA, Großbritannien, Österreich und Deutschland in Tübingen. Vorausgegangen war ein Festabend unter dem Titel „Freiheit, Wille und Gehirn“, bei dem der Wiener Neurologe und Entdecker des sog. Bereitschaftspotentials Lüder Deecke den Festvortrag hielt. Die Aufzeichnung des Festvortrags sowie sämtliche Konferenzabstracts sind ab sofort unter www.neural-dynamics.org abrufbar.

Medienkontakt

Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Birgit Teufel
Arbeitsgruppe Angewandte Neurotechnologie
Tel. 07071 29-82624, E-Mail birgit.teufel@med.uni-tuebingen.de

idw 2015/03