Bis zum Frühjahr 2005 war Günter T. (Name geändert) ein kerngesunder Mann. Kurz nach Karneval änderte sich sein Leben dann schlagartig. Frühmorgens wurde der 39-jährige von starken Schmerzen in den Fingergelenken geweckt, die von Schwellungen und einer ausgeprägten Steifigkeit begleitet waren. Im Verlauf von 3 Wochen nahmen diese immer stärker zu und wurden zuletzt so extrem, dass selbst Zähneputzen, Anziehen oder Brötchenschmieren zur Qual wurde. Gleichzeitig kamen weitere Gelenke dazu: Ellenbogen, Fußgelenke, Zehengelenke. Eine starke Nachtschweißigkeit und ein schweres allgemeines Krankheitsgefühl deuteten darauf hin, dass eine ernstzunehmende Erkrankung vorliegen musste.

Die Hausärztin nahm Blut ab, stellte erhöhte Entzündungswerte fest und verordnete Cortison in hohen Dosen. Darunter ging es zunächst etwas besser, mit Absetzen des Cortisons wurden die Symptome aber wieder so stark, dass ab Juni an Arbeiten nicht mehr zu denken war. Erneute Cortisongaben brachten wieder Linderung; sobald die Dosis aber verringert wurde, traten wieder heftige Beschwerden auf.

Ein Wechsel des Hausarztes brachte dann die entscheidende Maßnahme. Zu diesem Zeitpunkt war gerade in den Medien über das neue integrierte Versorgungsmodell von DAK und Hamburg Münchener Krankenkasse für die frühe Arthritis berichtet worden. Der hier speziell für Hausärzte entwickelte Screening-Test, ein Fragebogen zur Rheumafrüherkennung, ergab den dringenden Verdacht auf eine rheumatoide Arthritis. Dies führte zur unmittelbaren Vorstellung in der Früharthritis-Klinik am Evangelischen Krankenhaus, einer ausführlichen Diagnostik und zur Bestätigung des ersten Verdachtes.

Leider waren – nach knapp einem halben Jahr Krankheitsdauer – im Röntgenbild bereits erste Gelenkzerstörungen durch die rheumatische Entzündung zu sehen. Deshalb erfolgte unverzüglich eine Behandlung mit einer Kombination von neuartigen, hochwirksamen Medikamenten. Im Gegensatz zu normalen Rheumamedikamenten oder auch Cortison sind diese sogenannten langwirksamen Antirheumatika in der Lage, den Krankheitsprozess zu stoppen und im günstigsten Fall einen Heilungsprozess einzuleiten.

Im Fall von Günter T. war der optimale Zeitpunkt zwar schon verpasst – man weiß heute, dass optimale Behandlungsergebnisse erreicht werden können, wenn eine zielgerichtete Therapie im „therapeutischen Fenster“ von 3-4 Monaten nach Krankheitsbeginn gestartet wird. Dennoch besteht Hoffnung auf eine gute Krankheitskontrolle auch bei Patienten, die erst später in eine fachrheumatologische Behandlung kommen. Den Spezialisten stehen heute hochmoderne Medikamente zur Verfügung, die die Behandlung rheumatischer Erkrankungen geradezu revolutioniert haben und neue Hoffung selbst bei schweren und schwersten Krankheitsbildern geben.

Seit mehr als 3 Jahren ist Günter T. nun in der Betreuung der Früharthritis-Klinik und zieht Bilanz: Die Beschwerden waren schon nach den ersten Monaten der Behandlung vollständig verschwunden und sind auch nach Absetzen der anfangs eingesetzten hochwirksamen Medikamente nicht mehr wiedergekehrt. Es geht ihm gut, bereits kurz nach Einleitung der gezielten rheumatologischen Therapie hat er wieder seine Arbeit aufgenommen. Ganz selten hat er das Gefühl, die Kraft in den Händen sei nicht mehr so stark wie früher, was ihn aber selbst bei schweren körperlichen Tätigkeiten, z.B. beim Tragen von Kisten, nicht behindert. Er geht wieder regelmäßig seinem Sport nach und ist auch sonst wieder in sein normales Leben als Ehemann und Vater von zwei Kindern zurückgekehrt. Das für die Ärzte erfreulichste Ergebnis dann die Röntgenkontrolle: Die anfangs gesehene beginnende Gelenkzerstörung konnte nicht nur komplett gestoppt werden, d.h. neue Veränderungen sind nicht aufgetreten, sondern darüber hinaus sind die beginnenden Erosionen in den Knochen abgeheilt. Die Behandlung mit einem speziellen antirheumatischen Medikament wird zwar gegenwärtig noch fortgesetzt, um den Therapieerfolg zu sichern, allerdings nur noch als Tabletteneinnahme einmal in der Woche. Cortison oder normale, cortisonfreie Rheumamedikamente braucht er jedoch schon lange nicht mehr. (DAK, 03/2010)

idw 2010/03