Impfungen – 10 Goldene Regeln

Impfungen – 10 Goldene Regeln

Die Medizin hat insbesondere in den letzten 50 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Viele Krankheiten können heute erfolgreich behandelt werden. Doch es gibt noch eine bessere Lösung als die Behandlung: die Verhinderung von Krankheiten. Impfungen sind sicherlich eindrucksvolle Beispiele für dieses Prinzip. Wir erläutern die gängigsten Schutzimpfungen und klären auf über die Krankheiten, die gar nicht erst entstehen.

Impfungen – 10 Fragen und 10 kurze Antworten

1. Pocken: Edward Jenner immunisierte im 18. Jahrhundert erstmals gegen Pocken
Das Prinzip der Impfung wird auf den englischen Wissenschaftler Jenner zurückgeführt, der im 18. Jahrhundert erstmals einen 8-jährigen Jungen gegen Pocken immunisierte. Generell kann man bei Impfungen zwischen zwei Varianten unterscheiden: der aktiven und der passiven Impfung. Erstere ist die „klassische“ Methode, bei der der Körper einem Bestandteil eines Virus bzw. einer Bakterie oder einem vollständigen Erreger ausgesetzt wird, der an sich zu schwach ist, um noch eine Krankheit auszulösen. Sie ist jedoch stark genug, um Immunität gegenüber dem eigentlichen Schädling zu bewirken.  Die passive Impfung unterscheidet sich von der aktiven dadurch, dass das Immunsystem eher unterstützt wird, als gefordert, weswegen solche Impfungen auch eher dann gegeben werden, wenn es für eine aktive Immunisierung bereits zu spät ist: im Krankheitsfall. Die hier injizierten Antikörper können sich sofort daran machen, den Auslöser einer Erkrankung bzw. von ihm abgegebene gefährliche Stoffe unschädlich zu machen. Im Folgenden wird aus Gründen der Übersichtlichkeit jeweils nur die aktive Impfung erläutert.

2. Tetanus: wenn das Lachen durch Wundstarrkrampf teuflisch wird
Tetanus, oder auch Wundstarrkrampf genannt, entsteht durch Infektion mit einem Bakterium namens Clostridium tetani. Es ist sehr widerstandsfähig und kommt bevorzugt im Erdboden, in faulem Holz, an Pflanzen oder im Tierkot vor. Eine typische Infektionsquelle für den Menschen sind rostige Nägel oder auch Tierbisse. Durch eine offene Wunde eingedrungen wandern die Erreger über die Nervenbahnen des Betroffenen bis in das Rückenmark, wo sie die körpereigene Muskelhemmung beeinträchtigen, was zur Übererregbarkeit führt. Die Beschwerden beginnen typischerweise in der Kopfregion (verzerrte Gesichtsmuskulatur, Schluckbeschwerden) und reichen bis hin zu Krampfanfällen und Atemlähmung. Durch die verfügbare Impfung gibt es in Deutschland pro Jahr lediglich etwa 30 Fälle, häufiger ist sie in Entwicklungsländern. Die Tetanusimpfung erfordert 3 Immunisierungen: 2 Injektionen im Abstand von 4 Wochen und eine weitere nach 6-12Monaten. Alle 10 Jahre sollte sie aufgefrischt werden.

3. Diphtherie: nicht nur eine Halsentzündung
Corynebacterium diphtheriae, ein Bakterium, ist für die Diphtherie verantwortlich. Typischerweise wird diese Erkrankung von Mensch zu Mensch in etwa wie eine Erkältung übertragen. Der Überträger muss nicht unbedingt selbst erkrankt sein: zu Epidemiezeiten sind etwa 10% Keimträger, ohne selbst etwas davon zu merken.

Die letzte grössere Epidemie gab es in Deutschland allerdings in den 50er Jahren. Nur wenige Kilometer nach Osten – in den GUS-Staaten – gab es allerdings im letzten Jahrzehnt etwa 10.000 Todesfälle. Die Beschwerden ähneln denjenigen einer gewöhnlichen bakteriellen Halsentzündung: Im Mund- und Rachenraum und auf den Mandeln finden sich weissliche Beläge, die auf den Kehlkopf übergehen können. Greift die Infektion auf den ganzen Körper über, so folgen hohes Fieber, Erbrechen und ein typischer bellender Husten (Krupp). Auch können wichtige Organe (Herz, Nerven, Nieren) betroffen sein. Die Diphtherie-Impfung wird im Regelfall zusammen mit der Tetanusimpfung verabreicht und unterliegt denselben Injektions- und Auffrischungsregeln.

4. Aus den Augen, aus dem Sinn: die Kinderlähmung
Die Kinderlähmung ist sicherlich eines der bedeutsamsten Beispiele für den Erfolg im Kampf gegen Infektionskrankheiten durch Impfungen: in entwickelten Ländern treten in der Regel keine Infektionen mehr auf. In den 90er Jahren wurde der Welt aber in Holland vor Augen geführt, wie schnell die Weigerung des Einzelnen, sich einer Impfung zu unterziehen, Konsequenzen für Dritte haben kann, als 68 Mitglieder einer religiösen Gruppierung, die Impfungen ablehnt, an Polio erkrankten. Auch wenn die Mehrzahl der Erkrankungen ohne Symptome verläuft, bzw. nur mit grippeähnlichen Beschwerden, so können bei der Kinderlähmung auch das Gehirn oder die Muskulatur mitbetroffen sein („echte“ Kinderlähmung). Die Spannweite reicht von leichten Bewegungseinschränkungen der Muskulatur der Extremitäten bis zur Beeinträchtigung der Atemmuskulatur. Andere Spätfolgen sind möglich. Die Poliomyelitisimpfung besteht aus 2 Injektionen im Abstand von etwa 4 Monaten. Eine Auffrischung ist erst nach etwa 10 Jahren notwendig. Die Schluckimpfung, die sicherlich vielen der Leser noch in Erinnerung ist, wird wegen des äusserst geringen, aber in der Literatur beschriebenen Risikos der Infektion Dritter durch die Ausscheidung der Polioviren mit dem Stuhl nicht mehr eingesetzt.

5. Hepatitis A und B: die entzündete Leber
Unter Hepatitis versteht man eine nicht-eitrige Leberentzündung, die durch Viren ausgelöst wird. Impfungen existieren gegen die Hepatitis A und B. Erstere wird hauptsächlich unter unhygienischen Bedingungen übertragen (verunreinigtes Wasser oder Nahrungsmittel), letztere durch sexuelle Kontakte, Blut oder Blutprodukte oder von der Mutter auf das Kind.

Die Mehrzahl aller Hepatitisinfektionen verläuft, ohne dass der Erkrankte etwas davon mitbekommt, der Mediziner spricht dann von einem asymptomatischen Verlauf. Während aber die Hepatits A nach geringen Krankheitssymptomen oft folgenlos ausheilt (Grippale Symptome, Übelkeit, Gelenkschmerzen) so geht die Unterform C regelmässig in eine chronische Hepatitis über, das heisst, die Erreger bleiben länger als 6 Monate im Blut nachweisbar. Dies ist wiederum Voraussetzung für die Entstehung von Folgekrankheiten wie der Leberzirrhose bzw. dem Leberkrebs.

Die Impfung gegen die Hepatitis A erfordert zwei Impfungen im Abstand von 6 Monaten. Der Typus B macht eine zusätzliche Impfung bereits nach einem Monat nötig. Beide Impfungen, A und B, können auch gemeinsam gegeben werden. Impfungen gegen Hepatitis A und B werden nur bei Reisen in gefährdete Gebiete sowie für Risikogruppen empfohlen. Zur weiteren Lektüre empfehlen wir Ihnen dievergangene Ausgabe der Goldenen Regeln, die dieses Thema ausführlich behandelt hat.

6. Influenza: keine einfache Erkältung
Die Influenza oder die echte Virusgrippe ist heutzutage die häufigste Ursache für Epidemien. Wenn auch hohe Todesraten wie beispielsweise 1918/19 mit über 20 Mio. Todesopfern („Spanische Grippe“) nicht mehr vorkommen, so sind jedes Jahr im November – April auch bei uns in Deutschland viele Todesopfer, insbesondere unter der älteren und abwehrgeschwächten Bevölkerung, zu beklagen.

Influenzaviren haben die Neigung, in kürzeren Abständen ihr Erbgut zu verändern. Deshalb sind immer mehrere verschiedene Stämme gleichzeitig auf der Welt aktiv und dies ist auch der Grund, weshalb die Influenza-Impfung jedes Jahr neu angeboten wird und wahrgenommen werden muss, um sich ausreichend zu schützen. Wie bei vielen Infektionskrankheiten verläuft die Infektionin etwa 80% unbemerkt bzw. wie eine leichte Erkältung.

Schwerere Fälle sind gekennzeichnet durch hohes Fieber, ein starkes Krankheitsgefühl, trockenen Husten sowie Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen. Wesentliches Zielorgan der Influenza ist die Lunge. Begünstigt oder unterstützt durch andere, insbesondere bakterielle Erreger, kann sie dort eine Entzündung auslösen, die oft nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Somit ist die Influenza-Impfung für alle Personen über 60 Jahre jährlich im Herbst als Vorbeugung empfehlenswert. Demselben Personenkreis wird auch eine Impfung gegen Pneumokokken (andere Erreger der Lungenentzündung) nahegelegt.

7. FSME: Camper und Spaziergänger sind besonders gefährdet
FSME oder die Frühsommer-Meningoenzephalitis, also eine Entzündung der Hirnhäute und des Gehirns, ist eine Erkrankung, die durch einen Zeckenbiss übertragen werden kann. Die FSME-Viren befinden sich in den Speicheldrüsen der Tiere und werden sofort nach dem Biss übertragen. Jedoch birgt nicht jede Zecke die FSME-Gefahr: nur in bestimmten Endemiegebieten wie Bayern, im Schwarz- bzw. im Odenwald ist ein Schutz sinnvoll und auch dort ist natürlich nicht jede Zecke Virusträger. Genaue Hinweise zu gefährdeten Gebieten können den Links am Ende der Seite entnommen werden. Ist das FSME-Virus übertragen worden, passiert in der Mehrzahl (70%) der Fälle nichts.

Bei den verbleibenden 30% zeigen sich zunächst nur grippeähnliche Symptome. Etwa ein Drittel der Patienten, die diese Phase erreicht haben, erreichen im Anschluss ein schweres Stadium der FSME, die, wie der Name schon sagt, die Hirnhäute und das Rückenmark betreffen. Die beobachteten Symptome reichen von Übelkeit und Nackensteifigkeit bis zu Lähmungen der Arme und Beine.
Die Erkrankung kann folgenlos ausheilen oder auch Spätschäden hinterlassen (z.B. epileptische Anfälle, Verhaltensstörungen). Die Impfung gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis erfordert 3 Injektionen im Abstand von 1-3 bzw. 9-12 Monaten. Ihre Schutzwirkung hält etwa 3 Jahre an.

8. Masern: eine ausserhalb Deutschlands oft tödliche Erkrankung
Bei den Masern handelt es sich um eine typische Kinderkrankheit. Erreger ist ein Paramyxovirus. Wie auch die nachfolgenden Erkrankungen im Kindesalter sollten die Masern nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Weltweit sterben etwa 1 Mio. Kinder jährlich an Masern. Der im Zusammenhang mit dieser Erkrankung immer wieder auftauchende Begriff der „fliegenden Erkrankung“ rührt von der sehr leichten Übertragbarkeit her. Der Krankheitsverlauf teilt sich in zwei Phasen: das sogenannte Vorstadium mit Schnupfen, Bindehautentzündung, Fieber und einem klassischen Ausschlag der Mundschleimhaut, gefolgt durch den gemeinhin mit Masern in Verbindung gebrachten Hautausschlag (grossfleckig, zusammenlaufend).  Durch die bei Masern oft beobachtete Immunschwäche finden sich in ca. 15% der Fälle Komplikationen: Mittelohrentzündung, aber auch bedrohliche Entzündungen der Luftröhre und des Kehlkopfes oder des Gehirns. Selten kommt es 6 – 8 Jahre nach der Infektion zu einer Späterkrankung des Gehirns, die meist letal endet. Die WHO hat es sich zum Ziel gesetzt, die Masern, ebenso wie die Pocken, auszurotten. Deshalb wird diese Impfung für Kinder ab dem 12. Monat mit einer Wiederholung nach 4 Wochen empfohlen.

9. Mumps: wenn die Backe anschwillt
Ziegenpeter, wie diese Erkrankung im Volksmund genannt wird, wird wie die Masern durch ein Virus aus der Gruppe der Paramyxoviren ausgelöst. In der kalten Jahreszeit treten sie gehäuft auf. Mumps kündigt sich an mit Mattigkeit, Kopf-, Hals- oder Ohrenschmerzen und leichtem Fieber. Kurz darauf folgt die namensgebende Schwellung der Mundspeicheldrüse (Parotitis epidemica). Heilt die Infektion zu diesem Zeitpunkt nicht folgenlos aus, so kann sie eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse oder auch der Hoden hervorrufen, die im späteren Alter Sterilität bedingen kann. Auch können die Hirnhäute oder das Innenohr betroffen sein. Geimpft wird gegen Mumps meist in Kombination mit Masern und Röteln, dann als MMR-Impfung bezeichnet. Das Impfschema entspricht dem unter Masern genannten.

10. Röteln: Schwangere sind besonders gefährdet
Röteln, eine weitere typische Erkrankung des Kindesalters, werden durch Togaviren verursacht. Fast alle Erwachsenen, die das 20. Lebensjahr erreicht haben, hatten schon einmal Kontakt mit Röteln. Besonders bekannt ist aber diese Erkrankung auch für die Gefahr, die sie für Kinder erkrankter Mütter bedeutet. Nicht umsonst wird auch speziell der Impfschutz junger Mädchen vor der ersten Regel überprüft, um jeder Gefährdung auszuschliessen. Je nach Zeitpunkt der Einwirkung auf das Kind und somit Erkrankung der Mutter können verschiedene Organe des Embryos oder Fetus missgebildet werden. Der Beginn dieser Krankheit verläuft bei Kindern nach der Geburt oft unbemerkt. Spätestens der typische Hautausschlag führt besorgte Eltern dann aber meist zum Arzt. Dieser hält aber nur sehr kurz an; gefolgt ist er von starken Lymphknotenschwellungen. Im ungünstigsten Fall ist das Gehirn mitbeteiligt. Die Impfung gegen Röteln sollte in der oben genannten Kombination erfolgen.

idw 2001/05