Magenkarzinome machen sehr früh gravierende Symptome. Daher können Magenkarzinome bei rechtzeitiger Diagnose früh therapiert werden. Um dies sicherzustellen, plädiert Dr. med. Friedrich Overkamp, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie und Mitinhaber der Praxis und Tagesklinik für Internistische Onkologie und Hämatologie in Recklinghausen, bei Verdacht auf Magenkarzinom für eine erweiterte Anzahl von Biopsien gemäß der aktuellen S3-Leitlinie „Magenkarzinom“, eine standardisierte HER2-Bestimmung der Proben und eine Besprechung jedes einzelnen Magenkarzinom-Patienten in Tumorkonferenzen.

Das Magenkarzinom – nach wie vor eine der häufigsten tumorbedingten Todesursachen

Magenkrebs ist die weltweit vierthäufigste Krebserkrankung, jährlich werden weltweit mehr als eine Million Neuerkrankungen verzeichnet. Das Magenkarzinom ist außerdem weltweit die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache. Die Mortalität ist hoch: die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei etwa 25 Prozent.

In Deutschland erkranken jährlich rund 18.000 Menschen an einem Magenkarzinom. Der Tumor ist bei Männern dabei etwas häufiger als bei Frauen. Das Magenkarzinom ist hierzulande die fünfthäufigste Krebserkrankung bei Männern und die siebthäufigste Krebserkrankung bei Frauen. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Männern bei rund 70 und bei Frauen bei rund 75 Jahren.

Trotz rückläufiger Inzidenz ist das Magenkarzinom auch in Deutschland nach wie vor eine der häufigsten tumorbedingten Todesursachen. Die Häufigkeiten des Adenokazinoms des gastroösophagealen Übergangs (GEJ) sowie der Kardiakarzinome nehmen hingegen seit Jahren stetig zu.



Grafik: Magenkrebs - Roche; mr

Symptome des Magenkrebs sind unspezifisch aber beschwerlich

lm Frühstadium verursacht Magenkrebs praktisch keine spezifischen Symptome, wird häufig nur zufällig gefunden und daher meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Die folgenden Symptome können auf Magenkrebs hinweisen:

  • Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Schlappheit
  • Übelkeit
  • Plötzlicher Gewichtsverlust
  • Schluckbeschwerden
  • Druckgefühl im Oberbauch
  • Oberbauchschmezen
  • Starke Abneigung gegen Fleisch oder andere Speisen
  • Häufige Blähungen
  • Schwaz gefärbter Stuhl bei Darmentleerung (Meläna)
  • Bluterbrechen (Hämatemesis)

Zielgerichtete Therapie mit monoklonalem Antikörper verlängert Gesamtüberleben bei metastasiertem Magenkarzinom

Die Therapie des metastasierten Magenkarzinoms führte lange Zeit zu keinen lebensverlängernden Fortschritten. Erst mit der Einführung  zielgerichteter Therapien mit monoklonalen Antikörpern konnte ein weiterer Meilenstein in der Therapie des Magenkarzinoms gesetzt werden.

Mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab (Herceptin®) steht bislang die einzige zielgerichtete Substanz für die Therapie des metastasierten HER2-positiven Magenkarzinoms zur Verfügung. Trastuzumab eröffnet die Möglichkeit, sowohl das Gesamtüberleben als auch die Lebensqualität von Patienten mit metastasiertem HER2-positiven Magenkarzinom signifikant zu verbessern

[1, 2]. Dies belegen die Ergebnisse der internationalen randomisierten Phase-III-Studie ToGA (Trastuzumab for GAstric Cancer) unter Teilnahme von nahezu 600 Patienten.

Bestimmung des HER2-Status: Prädiktiver Faktor für die Therapie

Grundlage für die Trastuzumab-Therapie ist der positive HER2-Rezeptorstatus. Daher muss vor einer Therapieentscheidung eine histopathologische Bestimmung am Tumorgewebe qualitätsgesichert durchgeführt werden. „Meine Empfehlung ist es, bereits bei Erstdiagnose einen HER2-Test in Erwägung zu ziehen,“ so Overkamp. Aufgrund der hohen Fokalität der HER2-Positivität beim Magenkarzinom kann bei unzureichender Zahl an Biopsien der positive HER2-Rezeptorstatus übersehen werden. Damit falsch negative Befunde nahezu ausgeschlossen werden, sollten mindestens acht Biopsien entnommen werden, fordert die aktuelle S3-Leitlinie „Magenkarzinom“ [3]. Zur Verbesserung der Therapieerfolge sollte nach den Worten von Dr. Overkamp auch eine Besprechung jedes einzelnen Karzinompatienten im Rahmen einer Tumorkonferenz nach dem Vorbild anderer Tumorarten zum Standard gehören.

Trastuzumab als neuer Therapiestandard

Vor Zulassung von Trastuzumab als First-Line-Therapie für Patienten mit HER2-positivem metastasierten Adenokarzinom des Magens oder des gastroösophagealen Übergangs konnte lediglich ein medianes Gesamtüberleben von weniger als 12 Monaten erreicht werden. „Mit Trastuzumab als neuer Therapiestandard steht eine effektive Therapie zur Verfügung, die nicht nur die Chance auf eine längere Überlebenszeit bietet, sondern auch die Voraussetzung für einen längeren Erhalt oder im Einzelfall eine verbesserte Lebensqualität schafft,“ so Prof. Dr. med. Ralf Hofheinz, Leiter des Tagestherapiezentrums am Interdisziplinären Tumorzentrum in Mannheim.

ToGA: Signifikanter Überlebensvorteil unter zusätzlicher Trastuzumab-Therapie

In der Phase-III-Zulassungsstudie ToGA zeigte die initiale und kontinuierliche Behandlung mit Trastuzumab verglichen mit der alleinigen Chemotherapie einen signifikanten medianen Überlebensvorteil (13,8 vs. 11,1 Monate; HR: 0,74; p = 0,0046). Wie die Auswertung einer explorativen Post-hoc-Analyse (n = 446) zeigt, profitieren Patienten mit starker HER2-Über-expression (IHC3+ und IHC2+/FISH+) in besonders hohem Maße von der zusätzlichen Therapie mit Trastuzumab. Diesen Daten zufolge wird die mediane Gesamtüberlebenszeit dieser Subgruppen bei zusätzlicher Trastuzumab-Therapie im Median um 16,0 Monate versus 11,8 Monate verlängert. Das Sterberisiko wurde damit um 35 Prozent (HR: 0,65) reduziert [1].

Lebensqualität als Spiegel einer wirksamen Therapie?

In seinem Vortrag erläuerte Hofheiz die hohe Bedeutung der Krankheitskontrolle für den Erhalt der Lebensqualität. Daten einer weiteren explorativen Post-hoc-Analyse der ToGA-Studie zur Bewertung der allgemeinen gesundheitsbezogenen Lebensqualität der Patienten (IHC3+ und IHC2+/FISH+) unterstützen dies. Die Lebensqualität wurde anhand validierter Fragebögen der europäischen Krebsgesellschaft EORTC (European Organisation for Research and Treatment of Cancer) erfasst. Hier zeigte sich, dass durch die Kombination von Trastuzumab plus Chemotherapie mit anschließender Trastuzumab-Monotherapie die Lebensqualität der Patienten über einen langen Zeitraum verbessert wird. Unter der Therapie mit Trastuzumab dauerte es länger als ein Jahr – und damit fast doppelt so lange wie im Kontrollarm – bis sich der allgemeine Gesundheitszustand der Patienten um etwa 10 Prozent gegenüber dem Ausgangswert verschlechtert hatte (12,1 vs. 6,8 Monate) [2]. „Diese Ergebnisse zeigen uns“, so Prof. Hofheinz, „dass unsere Patienten von der Therapie mit Trastuzumab doppelt profitieren können: Durch die bessere Krankheitskontrolle überleben unsere Patienten länger und dies bei Erhalt ihrer Lebensqualität.“

Fazit

Trastuzumab ist die erste zielgerichtete Substanz, die einen signifikanten Überlebensvorteil beim HER2-positivem metastasierten Magenkarzinom gezeigt hat. Die zielgerichtete Therapie bedeutet einen großen klinisch relevanten Vorteil für die Magenkrebspatienten: Sie profitieren nicht nur durch ein längeres Gesamtüberleben um median 4,2 Monate, sondern überleben bei deutlich verbesserter Lebensqualität. „Allen HER2-positiven Patienten mit metastasiertem Magenkarzinom muss Herceptin angeboten werden“, fordert daher Overkamp. Voraussetzung dafür ist die frühzeitige und professionelle Bestimmung des HER2-Rezeptorstatus. „Falsch negative Befunde müssen durch die qualitätsgesicherte Status-Bestimmung ausgeschlossen werden, denn sie nehmen den Patienten die Chance auf eine bessere Therapie und ein längeres Leben bei guter Lebensqualität“, fasste Overkamp zusammen.

Quellen:

1 Bang Y et al., Lancet 2010; 376: 687-697

2 Shen L et al., The European Multidisciplinary Cancer Congress,
  Stockholm/Schweden, 2011, Poster 3.032

idw 2012/04