Hormonelle Verhütung – Pille mit lang wirksamem Gestagen ermöglicht niedrige gleichbleibende Hormonspiegel

Hormonelle Verhütung – Pille mit lang wirksamem Gestagen ermöglicht niedrige gleichbleibende Hormonspiegel

Kontrazeption oder Schwangerschaftsverhütung ist bei vielen Paaren noch Frauensache. Die Angebote zur Schwangerschaftsverhütung sind vielseitig und reichen von Pessar, Scheidenring, Sterilisation und anderen Verhütungswegen bis zur Pille. Doch auch hier gibt es ein breites Angebot. Die Wünsche der Frau und ihre Lebenssituation sollten bei der Kontrazeptionsplanung immer im Vordergrund stehen.

Dr. Anne Schwenkhagen vom Hormonzentrum Altonaer Strasse  in Hamburg befasst sich seit vielen Jahren mit dem Hormonstatus und Hormonstörungen bei Frauen. Im Vordergrund ihrer Beratung steht zunächst ein ausführliches Gespräch, bei dem die Ärztin auf die Mitwirkung der Frau angewiesen ist, um zu einer Diagnose und der richtigen Planung zu kommen. Erst die Antworten auf diese und andere Fragen und die gründliche Untersuchung führen für Frau Dr. Schwenkhagen am Ende zu der Entscheidung, welche individuelle Kontrazeption die geeignetste für die Frau ist, die sie berät.

Fragen zur Klärung, welche Art der Empfängnisverhütung für eine Frau die geeignetste ist

  • Was will die Frau, wann möchte sie schwanger werden? In einem Jahr oder 10 Jahren?
  • Wie alt ist die Frau?
  • Welchen Lebensrhythmus hat sie? Arbeitet sie z.B. im Schichtdienst?
  • Mit welcher Methode möchte sie verhüten? Will sie etwas schlucken?
  • Wie ist ihre körperliche Verfassung? Hat sie Übergewicht und/oder Akne?
  • In welcher Lebenssituation befindet sich die Frau?
  • Welche persönlichen Risiken bringt sie mit? Gibt es z.B. genetische oder krankheitsbedingte Aspekte zu berücksichtigen?

Hormonpille – ein sehr zuverlässiger Schutz vor Schwangerschaft

So individuell wie Frauen sind, so vielseitig ist heute die Auswahl an Verhütungsmitteln, damit sie den persönlichen Bedürfnissen der Anwenderinnen möglichst gerecht werden. Die Anforderungen an einen modernen Empfängnisschutz sind vielfältig: Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2011 gehören zu den wichtigsten Gründen für die Wahl eines Verhütungsmittels, dass es zuverlässig sein soll, einfach, praktisch und bequem in der Anwendung ist sowie wenig Nebenwirkungen haben sollte.

Die Hormonpille wird heute als ein sehr zuverlässiger Schutz vor Schwangerschaft angesehen und ist unter anderem wohl deshalb die am häufigsten verwendete Methode: Mehr als die Hälfte der sexuell Aktiven setzt auf die Pille als Verhütungsmittel der ersten Wahl. Insbesondere bei jungen Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren ist die Pille besonders beliebt: 72 % in dieser Altersgruppe verhüten damit, bei den 30- bis 39-jährigen sind es 51 %.

 

Bei den Hormonen der neuen Pille standen die Wirkstoffe aus dem Körper der Frau Pate.
Bei den Hormonen der neuen Pille standen die Wirkstoffe aus dem Körper der Frau Pate. (Bildquelle: MSD SHARP & DOHME GmbH, Haar)

Hormonelle Verhütung – von Drei-Monats-Spritze, Hormonspirale, Verhütungsring, Verhütungsstäbchen und Hormonpflaster

Die hormonelle Verhütung ist immer dann gefragt, wenn eine Frau auf keinen Fall schwanger werden möchte. Weitere unter Frauen weithin bekannte hormonelle Verhütungsmittel sind die Drei-Monats-Spritze, die Hormonspirale, der Verhütungsring, das Verhütungsstäbchen und das Hormonpflaster. Diese werden allerdings von den Frauen fälschlicherweise als weniger zuverlässig eingestuft als die Pille.

Neben der Empfängnisverhütung tragen bei der hormonellen Verhütung folgende Vorteile zur Entscheidung der Frau bei: das Ausmaß und die Dauer der Blutung werden schwächer und bei manchen Frauen kann sich eine bestehende Akne verbessern. Einige wissenschaftliche Studien sprechen auch dafür, dass die Einnahme von bestimmten Pillen zudem vor bestimmten Krebsarten schützen kann.

Den Vorteilen stehen die möglichen unerwünschten Begleiterscheinungen der Hormoneinnahme gegenüber, zu denen unter anderem Übelkeit und Erbrechen, Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen oder Zwischenblutungen gehören können. Zu den schwerwiegenderen Risiken zählen Auswirkungen auf Herz und Kreislauf sowie ein geringfügig erhöhtes Brustkrebsrisiko. Hier ist der verschreibende Arzt gefragt, die Pille nur dann zu verordnen, wenn entsprechende Risikofaktoren möglichst ausgeschlossen werden können.

Die neue Pille mit einer innovativen Wirkstoffkombination

Seit ihrer Einführung in den 60er Jahren hat sich die Pille als ein zuverlässiges Mittel zur Empfängnisverhütung etabliert. Fast ebenso lang werden als Wirkstoffe der Kombipräparate Gestagene und Östrogene als Komponenten verwendet. Als Östrogenkomponente hat sich in kombinierten Pillen Ethinylestradiol als Östrogenkomponente bewährt. Erst 2009 betrat mit Estradiolvalerat ein anderes Östrogen die Bühne. Jetzt kommt ein weiteres hinzu: 17-beta-Estradiol, eine künstlich hergestellte Hormonform, die von Natur aus auch im Körper der Frau vorkommt. Möglich wird dies durch die Kombination mit dem Gestagen Nomegestrolacetat.

19-Norprogesteron – erstes oral wirksames Gestagen

Möglich wurden die heutigen oralen Verhütungsmittel durch die Entwicklung des ersten oral wirksamen Gestagens, bei dem 19-Norprogesteron eine Schlüsselrolle einnimmt. Die Forschungsergebnisse von Ludwig Haberlandt und Gregory Pincus, Carl Djerassi und Kollegen waren die Grundlagen, die im Oktober 1951 zur Patentierung dieses synthetischen Wirkstoffs führte.

Die erste Pille, die 1960 in den USA zugelassen wurde, war eine Kombination aus Östrogen und Gestagen, erläutert Professor Dr. med. Christian J. Thaler, Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Denn mit einem Gestagen allein gelang es damals nicht, eine akzeptable Zyklusstabilität zu erreichen: Es kam zu unerwünschten Blutungen.

 

Prof. Dr. Ch. Thaler, Dr. A. Schwenkhagen, Prof. Dr. C. Djerassi; MEDIZIN ASPEKTE
Prof. Dr. Ch. Thaler, Dr. A. Schwenkhagen, Prof. Dr. C. Djerassi; (v.l.n.r.; Foto-Quelle: MEDIZIN ASPEKTE J. Wolff)

Gestagen für die Empfängnisverhütung – Östrogen zur Zyklusstabilität

Der Grund für die unerwünschten Blutungen: Während das Gestagen in hormonellen Verhütungsmitteln für die Empfängnisverhütung verantwortlich ist, trägt das Östrogen zur Zyklusstabilität bei. Jahrzehntelang griffen die Forscher auf eine synthetische Form, das Ethinylestradiol, zurück. Es passiert mehrmals die Leber und wird aufgrund der zusätzlichen Ethinylgruppe nur langsam abgebaut. Dadurch bleibt ihm ausreichend Zeit, seine zyklusstabilisierende Wirkung zu entfalten.

Ethinylestradiol wird allerdings auch mit Nebenwirkungen wie venösen Thrombosen, Herzinfarkt und Schlaganfall in Verbindung gebracht. Um diese unerwünschten Effekte zu verringern, wurde die Hormondosis auf 30 bis 20 Mikrogramm gesenkt und das Östrogen mit neu entwickelten Gestagenen kombiniert. Zudem kamen Pillen mit einem zwei- oder dreiphasigen Einnahmeschema auf den Markt. Versuche, das synthetische Hormon durch ein Östrogen zu ersetzen, wie es auch im Körper der Frau vorkommt, scheiterten jedoch bei Einphasenpräparaten bisher am Auftreten von Zwischenblutungen.

Das Geheimnis: Ein Gestagen mit langer Halbwertzeit

 In der neuen Pille ist dieses Ziel nun erreicht: Dank der Kombination mit einem lang wirksamen Gestagen (Nomegestrolacetat) werden mit 17-beta-Estradiol niedrige, aber gleich bleibende Hormonspiegel erzielt, die Zwischenblutungen ähnlich gut verhindern wie die Kombination aus Ethinylestradiol und Drospirenon.

Als wichtigste Ansprüche der Frauen an ihre Verhütung stellte Dr. med. Anneliese Schwenkhagen, Hormonzentrum Hamburg, eine zuverlässige Empfängnisverhütung, möglichst wenig Nebenwirkungen und eine ausgewogene Balance zwischen Nutzen und Risiko heraus. Zuverlässigkeit und Nebenwirkungen der neuen Pille wurden in einer groß angelegten Studie mit 1.591 Frauen getestet und mit einer Pille mit einer Hormonkombination aus Ethinylestradiol und Drospirenon verglichen. Der Pearl-Index der Pille mit der in der Verhütung neuartigen Hormonkombination lag in der Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren bei 0,38, bei dem Vergleichspräparat bei 0,81. Somit wirken beide Präparate zuverlässig empfängnisverhütend.

Die häufigsten Nebenwirkungen bei beiden Pillen waren Akne, unregelmäßige Abbruchblutungen, Gewichtszunahme und Kopfschmerzen. Haut- und Gewichtsveränderungen wurden in der Studie regelmäßig gezielt abgefragt. Bei der Mehrzahl der Frauen erwiesen sich beide Präparate in dieser Hinsicht als neutral. Von den Frauen, die schon vor Studienbeginn eine Akne gehabt hatten, gaben über 90 Prozent ein unverändertes oder leicht verbessertes Hautbild an. Das Körpergewicht veränderte sich ebenfalls bei den meisten Frauen nicht.

Unter der Kombination aus Estradiol und Nomegestrolacetat trat eine verkürzte und leichtere Entzugsblutung auf. Erzielt wird dieser Effekt durch das bei oralen Verhütungsmitteln noch seltene Einnahmeschema mit 24 wirkstoffhaltigen und vier wirkstofffreien Pillen. Positiv sieht Thaler die Hinweise aus Studien, dass die in der Verhütung neuartige Hormonkombination bestimmte Gerinnungsfaktoren, die unter anderem für das Thromboserisiko eine Rolle spielen, weniger stark beeinflusst als andere Pillen. Ob sich diese Hoffnung auf geringere Nebenwirkungen bewahrheitet, müssen allerdings weitere Studien zeigen.

Quelle

MSD Pressekonferenz zur Premiere einer neuen Pille
Hamburg, 26.03.2012
Ein neues Zeitalter in der hormonellen Verhütung

  • Für sie gemacht – Eine neue Hormonkombination nah am Körper der Frau
    Prof. Dr. Christian J. Thaler, München  
  • Verhütung 2012 – Was Frauen sich wünschen
    Dr. Anneliese Schwenkhagen, Hamburg
  • Die ,,Pille“ – Von der Vision zur Wirklichkeit
    Prof. Dr. Carl Djerassi, Wien, London, San Francisco
idw 2012/03