Systemische juvenile idiopathische Arthritis (sJIA) als eine Form von Kinderrheuma – Therapie mit Biologikum Tocilizumab

Systemische juvenile idiopathische Arthritis (sJIA) als eine Form von Kinderrheuma – Therapie mit Biologikum Tocilizumab

Mit Tocilizumab hat die EU-Kommission einen Interleukin-6-Inhibitor (IL-6 Inhibitor) zur Behandlung der systemischen juvenilen idiopathischen Arthritis (sJIA) bei Kindern ab zwei Jahren zugelassen. Damit können Kinder mit einer systemischen juvenilen idiopathischen Arthritis (sJIA) jetzt auch mit einem Biologikum behandelt werden. Wirkstoff ist Tocilizumab.

Tocilizumab – ein humanisiertes Protein hemmt auch bei Kindern Entzündungen der Gelenke bei der Rheumatoiden Arthritis durch Blockade der Interleukin-6-Signalwege
Bei dem monoklonalen Antikörper Tocilizumab handelt sich um ein humanisiertes Protein, das auch bei Kindern die Interleukin-6-Signalwege ( IL-6-Signalwege) durch selektive Inhibition der löslichen und membrangebundenen IL-6-Rezeptoren unterbricht. Indem Tocilizumab die IL-6-Signalwege blockiert, verringert der innovative Zytokin-Hemmer Tocilizumab die Wirkung von IL-6 an entzündlichen Prozessen und hemmt damit das Fortschreiten der Rheumatoiden Arthritis in den Gelenken sowie auf systemischem Niveau. Tocilizumab zeigt eine schnelle Wirksamkeit sowohl auf die Arthritis als auch die systemischen Manifestationen der sJIA, erklärte Prof. Dr. med. Gerd Horneff, Asklepios Klinik St. Augustin, die Vorteile der neuen Therapie.

 Systemische juvenile idiopathische Arthritis (sJIA): Symptome
Die sJIA ist eine besonders schwere Form der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA). Der Verlauf der Erkrankung ist sehr variabel: Bei etwa der Hälfte der Patienten sieht man mono- oder polyzyklische Schübe, die mit einer transienten Arthritis einhergehen. Bei der anderen Hälfte der Patienten kommt es zu persistierend aktiven Gelenkentzündungen mit einem hohen Grad an Gelenkdestruktionen. Hinzu kommen die typischen systemischen Krankheitszeichen wie Fieber, Hautausschläge (Exantheme und Serositis), Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen, Leber- und Milz- sowie Lymphknotenschwellungen. Wachstumsstörungen sind bei anhaltender Entzündung häufig und werden vor allem durch eine zu lange und zu hoch dosierte Kortisontherapie verstärkt. Die Erkrankung ist zudem nicht ungefährlich: Die Erkrankung hat die schlechteste Langzeitprognose aller Arthritis-Formen im Kindesalter, sie ist für fast zwei Drittel aller Todesfälle bei Kindern mit Arthritis verantwortlich. Die geschätzte Gesamtsterblichkeitsrate liegt bei 2 bis 4 % [3, 4]. Sowohl Infektionen, eine Amyloidose wie auch das Makrophagen- aktivierungssyndrom sind gefährliche Komplikationen.

Im Gegensatz zur Rheumatoiden Arthritis sind Methotrexat und TNF-Hemmer bei der Therapie der systemischen JIA weniger wirksam, häufig sogar ineffektiv. Dagegen wurden mit dem Interleukin-6-Rezeptorblocker Tocilizumab zunächst in Studien, jetzt auch im klinischen Alltag sehr gute Erfahrungen gemacht. Relevant für die aktuell vergebene europäische Zulassung von Tocilizumab bei der sJIA waren vor allem die Daten der TENDER-Studie [1]. In der globalen Doppelblindstudie mit 112 Kindern und Jugendlichen zeigte Tocilizumab eine sehr gute Wirksamkeit sowohl auf die systemischen Manifestationen, als auch auf den Gelenkbefall.

TENDER-Studie: Grundlage der Zulassung
Die Zulassung basiert unter anderem auf den Ergebnissen der internationalen, randomisierten, doppelblind durchgeführten Phase-III-Studie TENDER, in der 112 Kinder zusätzlich zu einer Basistherapie mit Tocilizumab oder Placebo behandelt wurden. Den primären Endpunkt der Studie (ACR-Pedi-30-Ansprechen bei gleichzeitiger Fieberfreiheit) erreichten nach dreimonatiger Behandlung 85 % der Patienten in der Tocilizumab-Gruppe und 24 % in der Placebo-Gruppe. Dies bedeutet eine Verbesserung unter der Therapie mit Tocilizumab um 61,5 % (p < 0,0001). Ein ACR-Pedi-30/50/70/90-Ansprechen wurde nach zwölf Wochen bei 90,7 %, 85,3 %, 70,7 %, 37,3 % der Patienten erreicht, der Unterschied zu Placebo war jeweils hoch signifikant.

In der offenen Extensionsphase der Studie bis Woche 52 konnte die anhaltende Wirksamkeit unter Beweis gestellt werden: So stieg das ACR-Pedi-30-Ansprechen bei gleichzeitiger Fieberfreiheit weiter an auf 88 %. 48,5 % aller Patienten hatten zu Woche 52 keine aktiven Gelenke mehr und bei jedem zweiten Kind (52,5 %) konnte eine Begleittherapie mit Glucocorticoiden abgesetzt werden [5, 6].

„Die Ergebnisse und Beobachtungen zeigen, dass mit Tocilizumab beeindruckende Resultate bei der sJIA erzielt werden können. Dies gilt sowohl für die Wirksamkeit auf systemische Parameter wie auch auf die Gelenkentzündung und unter Berücksichtigung eines guten Sicherheitsprofils“, fasste Prof. Dr. med. Horneff die vorliegenden Daten zusammen.

Tocilizumab in der Therapie der sJIA – sicher und hoch wirksam
Es wurden keine bislang unbekannten Nebenwirkungen von Tocilizumab beobachtet. Die Rate schwerwiegender unerwünschter Ereignisse, wie etwa Varizelleninfektion, Infektionen der oberen Atemwege oder pulmonaler Hypertonie,  betrug 0,25/Patientenjahr (n = 39). Tocilizumab wurde von den Kindern gut vertragen. „Aufgrund der Zulassung als einziges Biologikum bei der sJIA sollte eine Behandlung mit Tocilizumab von nun an bei allen Therapieentscheidungen erwogen werden” schloss Prof. Dr. med. Horneff. Für die betroffenen Kinder und Eltern bedeutet eine erfolgreiche Therapie die Reintegration in ein fast uneingeschränktes Leben. Die Eltern eines betroffenen Mädchens umschreiben den Erfolg der Therapie: „Unser Leben ist wieder so, als wenn unser Kind überhaupt kein Rheuma hätte. Wir haben 100 % Lebensqualität.“

Tocilizumab in Europa zugelassen
Tocilizumab ist das erste Biologikum, das von der EU-Kommission für die Behandlung der sJIA zugelassen worden ist. Weltweit ist Tocilizumab in der Indikation sJIA bislang in Japan (April 2008), Mexiko (Februar 2011), USA (Aprill 2011) und auch in der EU (Juli 2011) zugelassen.

Die systemische juvenile idiopathische Arthritis (sJIA): Häufigkeit
Von der systemischen juvenilen idiopathische Arthritis sind rund 10 bis 20 % aller Kinder mit JIA betroffen [1, 2]. Sie beginnt meist im Alter zwischen 18 Monaten und zwei Jahren und kann bis ins Erwachsenenalter fortdauern. Die Erkrankung ist mit einer Prävalenz von 1,8 – 6,3 pro 100.000 Kindern nicht sehr häufig, dafür aber oft sehr schwer und gilt bisher von allen JIA-Subtypen als besonders problematisch im Hinblick auf Prognose und Behandlungsmöglichkeiten.

Quellen:

  1. Woo P, Nature Clinical Practice: Rheumatology. 2006; 2: 28-34: Systemic juvenile rheumatoid arthritis: diagnosis, management, and outcome
  2. De Benedetti F, Pediatric Rheumatology Online Journal 2005; 3 (2): 122-136: Inflammatory cytokines in the pathogenesis and treatment of systemic juvenile idiopathic arthritis – Basic science for the clinician
  3. Minden K et al., Z Rheumatol 2008; 67: 100-110: Klinische Formen der juvenilen idiopathischen Arthritis und ihre Klassifikation
  4. Horneff G, Z Rheumatol 2010; 69: 719-737: Juvenile Arthritiden.
  5. Benedetti de F et al., Ann Rheum Dis 2010; 69 (Suppl 3): 146: Efficacy and safety of tocilizumab in patients with systemich juvenile idiopathic arthritis (SJIA): 12-week-data from the phase 3 tender trial
  6. De Benedetti F et al., EULAR 2011, London, OP 0006/oralpresentation: Efficacy and safety of tocilizumab (tcz) in patients (pts) with systemic juvenile idiopathic arthritis (sjia): tender 52-week data
  7. Veranstaltung: Kinderheumatologie
    Tocilizumab – Neuer Standard in der Therapie der sJlA
    St. Augustin, 30. Juni 2011
  • Roche und Chugai setzen einen neuen Standard in der Kinderrheumatologie
    Dr. med. Markus Harwart
    Chugai Pharma Marketing Ltd.
  • Neue Perspektiven für eine schwere Form des Kinderrheumas
    Prof. Dr. med. GerdHorneff
    Asklepios Klinik St. Augustin
  • Erfahrungen aus dem Kinderzimmer: Wie die neue lnfusionstherapie unserem Kind geholfen hat
    Prof. Dr. med. Gerd Horneff u. Familie Haas
    Asklepios Klinik St. Augustin
    idw 2011/08