Der wohl größte amerikanische Krebskongress stand in 2011 unter dem Motto “Patients. Pathways. Progress.” Mehr als 30 000 Mediziner und Wissenschaftler aus der ganzen Welt trafen sich in Chicago zum Meinungsaustausch über Fortschritte in der Onkologie. Diesjährig wurden in mehreren Indikationen besonders beachtenswerte Ergebnisse präsentiert, wie zum Beispiel beim malignen Melanom mit Mutationen im BRAF-Gen oder beim Schilddrüsenkrebs.

Krebsarten und ihre genetischen Varianten auf molekularer Ebene verstehen lernen
Es vertiefte sich bei den Wissenschaftlern die Erkenntnis, dass sich neue Therapieansätze in der personalisierten Medizin nur dann finden lassen, wenn es gelingt, die Wirkweisen der verschiedenen Krebsarten und ihre genetischen Varianten auf molekularer Ebene zu verstehen. Um weiterhin Erfolge zu erzielen, müsssen Grundlagenforschung und Klinische Forschung stärker als bisher zusammenrücken. „Man kann diese Ansätze nur entwickeln, wenn man die zugrundeliegende Biologie versteht…Es sind spannende neue Ergebnisse nur aus den Zentren gekommen, die auch eine starke Grundlagenforschung betreiben“, so Prof. Jürgen Wolf, Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie am Universitätsklinikum Köln, in einem Interview mit MEDIZIN ASPEKTE.

In den vergangenen Monaten setzte sich auch die Erkenntnis durch, dass es nicht den einen „Krebs“, den einen „Hautkrebs“, den „Lungenkrebs“ etc. gibt, sondern viele genetische Varianten, für die unterschiedliche Therapieansätze der personalisierten Medizin greifen.

Behandlungserfolge optimieren: mit pathologischer Diagnostik Subtypen der Krebsarten vor der Behandlung erkennen
Ist ein molekularer Therapieansatz gefunden, gilt es, den Therapieerfolg durch eine saubere pathologische Diagnostik sicherzustellen, indem die Patienten den einzelnen Subtypen zugeordnet werden. Parallel zu den Behandlungsmethoden der personalisierten Medizin müssen daher auf molekularer Ebene die diagnostischen Methoden entwickelt werden, mit denen sich die Subtypen der Krebsarten vor der Behandlung erkennen lassen. 

Der Kongress war eine Bestätigung für innovative Therapien der personalisierten Medizin. Für Prof. Jürgen Wolf war außerdem auffällig, dass es dieses Jahr nicht alleine um Ergebnisse zu neuen Therapiemethoden und Wirkstoffen ging sondern auch um die Einbindung möglichst vieler Ärzte in bestehende Netzwerke, damit möglichst viele Patienten von neuen Erkenntnissen in der Krebsbehandlung profitieren.

Vemurafenib zur personalisierten Therapie des Melanoms vom Typ der BRAF-Mutation
Ein herausragendes Beispiel die erfolgreiche Entwicklung eines innovativen Wirkstoffs in der personalisierten Medizin ist die Entwicklung von Vemurafenib zur Behandlung des schwarzen Hautkrebs vom Typ der BRAF-Mutation. Vemurafenib ist ein hoch spezifischer lnhibitor, der die Aktivität des mutierten BRAF-Proteins hemmt, das bei rund der Hälfte aller Fälle von Melanomen, der tödlichsten und aggressivsten Form von Hautkrebs, nachweisbar ist. Das Vorliegen einer BRAF-Mutation des Tumors wurde mit dem cobas@ 4800 BRAF V600-Mutationstest bestimmt, einem noch in der klinischen Prüfung befindlichen diagnostischen Test von Roche, der zeitgleich mit Vemurafenib entwickelt wurde.

Metastasiertes Melanom mit BRAF-V600-Mutation: BR/IF-lnhibitor Vemurafenih verlängert Gesamtüberleben
Der BR/IF-lnhibitor Vemurafenih verlängert das Gesamtüberleben von Patienten mit nicht vorbehandeltem, metastasiertem Melanom und einer BRAF-V600-Mutation gegenüber einer Standard-Chemotherapie signifikant.

[1,2] Dies belegen Daten der Phase-lll-Studie BRlM3, die jetzt auf dem amerikanischen Krebskongress vorgestellt wurden. Eine personalisierte Therapie des metastasierten Melanoms rückt damit in greifbare Nähe.

ln der internationalen, randomisierten, BRIM3-Studie wurde, unter Beteiligung von l7 Studienzentren in Deutschland, Vemurafenib mit Dacarbazin, einer Standard-Chemotherapie, verglichen. ln die Studie wurden 675 Patienten mit nicht vorbehandeltem, lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Melanom eingeschlossen, bei denen eine BRAF-V600-Mutation nachgewiesen worden war. Primäre Endpunkte waren das Gesamtüberleben (OS) und das progressionsfreie Überleben (PFS). Sekundäre Endpunkte waren die Ansprechrate, die Ansprechdauer und das Sicherheitsprofil.

Vemurafenib verringert Sterberisiko sowie Krankheitsfortschritt und erhöht Ansprechrate
Vemurafenib verringerte das Sterberisiko der Melanom-Patienten gegenüber der Chemotherapie um 63 Prozent (HR :0,37, p ( 0,0001). Außerdem reduzierte Vemurafenib das Risiko für das Fortschreiten der Erkrankung (PFS) signifikant um 74 Prozent (HR: 0,26, p < 0,0001 vs. Chemotherapie). Die Ansprechrate in der Patientengruppe, die Vemurafenib erhielt (48,4 Prozent), war fast neunmal so hoch wie in der Chemotherapie-Gruppe (5,5 Prozent, p < 0,0001). Nach sechs Monaten lebten noch 84 Prozent der Patienten im Vemurafenib-Arm, verglichen mit 64 Prozent der Patienten unter Chemotherapie. Die Verbesserung des Gesamtüberlebens (OS), PFS und das Schrumpfen des Tumors unter Vemurafenib zeigten sich unabhängig von Alter, Geschlecht oder Risikofaktoren für die Erkrankung.

Vemurafenib erhält von FDA den Status der vorrangigen Prüfung
Wegen der guten Wirksamkeit von Vemurafenib wurde auf Empfehlung der Behörden, insbesondere der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA), die Studie vorzeitig beendet. Das mediane OS der Patienten kann daher noch nicht abschließend bestimmt werden, da die Anzahl der Patienten, die langfristig nachbeobachtet werden, noch zu gering ist.

Das Sicherheitsprofil von Vemurafenib entsprach bisherigen klinischen Studien. Die häufigsten Nebenwirkungen mit Schweregrad 3 oder höher waren u.a. Keratoakanthome, Hautausschlag, Gelenkschmezen, Überempfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht und Müdigkeit.

Vemurafenib hat von der FDA den Status der vorrangigen Prüfung erhalten. Die Zulassung wurde in den USA Ende April 2011 und in der Europäischen Union (EU) am 4. Mai 2011 beantragt. Während der Prüfung der Zulassungsanträge durch die Behörden können Patienten mit einem metastasierten Melanom, bei denen eine BRAF-Mutation nachgewiesen wurde, im Rahmen einer weltweiten Expanded-Acess-Studie schon jetzt von einer Behandlung mit Vemurafenib profitieren.

idw 2011/06