Welt-Rheuma-Tag 2019: Rheuma-Frühsprechstunden verbessern die Versorgung

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland – zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung – leiden unter entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Diese Systemerkrankungen sind durch eine fehlgeleitete körpereigene Abwehr verursacht und können alle Gewebe und Organe des Körpers befallen. Die häufigste und bekannteste ist die rheumatoide Arthritis (RA), von der hierzulande rund 640.000 Menschen betroffen sind. „Weil die Patienten nicht früh genug zum Rheumatologen gelangen, sind sie kurzfristig nicht so gut versorgt, wie es mit heute verfügbaren Medikamenten möglich wäre und benötigen auch langfristig mehr Therapie,“, mahnt Professor Dr. med. Hendrik Schulze-Koops, Präsident der DGRh aus München anlässlich des Welt-Rheuma-Tages.

Zwischen ersten Anzeichen einer rheumatoiden Arthritis bis zur korrekten Diagnose und zum Therapiebeginn vergehen in Deutschland im Schnitt 9 Monate, bei anderen entzündlich-rheumatischen Erkrankungen vergeht sogar noch weitaus mehr Zeit. „Das Zeitfenster, in dem wir die Krankheit effektiv zurückdrängen könnten, schließt sich nach wenigen Wochen. Je später eine Behandlung einsetzt, desto schwerwiegender sind die Folgen für den Patienten und das Gesundheitssystem im Allgemeinen“, sagt Professor Dr. med. Hanns-Martin Lorenz, Vizepräsident der DGRh aus Heidelberg. Screening- oder Frühsprechstunden können dies verhindern: Sie ermöglichen es, Menschen mit entzündlichen-rheumatischen Erkrankungen früh zu sehen, ihre Erkrankung zu erkennen und diese zu behandeln. Erste Daten belegen, dass die Krankheit in diesem Fall deutlich effektiver zu behandeln ist.

Die Sektion Rheumatologie des Universitätsklinikums Heidelberg betreibt seit Februar 2016 eine Screeningsprechstunde. Seit Februar 2018 untersuchen die Heidelberger Forscher diese im Rahmen der „SCREENED“-Studie und vergleichen sie mit weiteren Modellen von Frühsprechstunden deutschlandweit. Die verschiedenen Konzepte arbeiten auf eine frühestmögliche Therapieeinleitung hin. Sie nutzen hierfür vorgeschaltete telefonische Abfragen, Fragebögen, Checklisten oder computer-basierte Algorithmen. „Für die Auswertung und Beurteilung ist eine langjährige rheumatologische Expertise unabdingbar“, meint Lorenz.

Einige an der Studie beteiligten rheumatologischen Zentren konnten nachweisen, dass die Krankheit durch eine frühe Therapieeinleitung nach einer Screening- oder Frühsprechstunde wesentlich häufiger gänzlich zurückweicht. „Diese sogenannte Remission tritt umso häufiger ein, je kürzer Patienten erkrankt sind, was uns geradezu verpflichtet, die Therapie so früh wie möglich einzuleiten“, meint die Heidelberger Rheumatologin Dr. med. Karolina Benesova, Erstautorin der Studie. Von 206 Patienten mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung erreichten 120, also 58,3 Prozent, eine komplette Remission, bei der alle Symptome der Erkrankung verschwanden. Bei Patienten mit neu diagnostizierter rheumatoider Arthritis sogar 70,8 Prozent. Zahlen, die bei länger bestehender Erkrankung bei weitem nicht zu erreichen sind.

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen sind nicht heilbar. Doch moderne Therapien ermöglichen den Patienten oft ein Leben ohne Leiden und Schmerzen. Das war vor rund 25 Jahren noch undenkbar. Die Kosten einer lebenslangen Therapie mit krankheitsmodifizierenden Medikamenten sind enorm. Eine hohe Zahl beschwerdefreier Patienten durch frühzeitiges Erkennen und frühe Therapie ist deshalb wahrscheinlich auch gesundheitsökonomisch relevant, meint Professor Lorenz: „In der Remission können wir die Medikamentengabe reduzieren. Darüber hinaus nehmen die Patienten am Leben teil und müssen sich seltener krankschreiben lassen.“ Je früher die Therapie beginnt, desto häufiger erreichen wir die angestrebte Remission und desto geringere Folgekosten fallen für das Gesundheitssystem an. Diese Daten belegen, wie eklatant schädlich der Versorgungsmangel in der Rheumatologie ist – für den Patienten, aber auch für das Gesundheitssystem allgemein.

Die Modelle der Screening- oder Frühsprechstunden sind vielfältig. „Unabhängig vom Konzept sind sie vor allem dann erfolgreich, wenn sie sich regionalen Strukturbesonderheiten anpassen“, erläutert Benesova. Das sei in den heterogenen deutschen Versorgungsstrukturen unerlässlich. Um zukünftig messen zu können, welche Modelle sich am besten für welche Versorgungssituation eignen, entwickelt die DGRh derzeit Qualitätsindikatoren. Ein weiteres Plus der Frühsprechstunden: Unabhängig vom Ansatz erhöhen sie das Fassungsvermögen rheumatologischer Zentren für die frühe Versorgung. „Je gezielter wir die bestehenden Strukturen analysieren, umso mehr Entzündungspatienten können wir sehen, versorgen und helfen“, sagt Karolina Benesova.

Experten der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V. haben mit Screening- und Frühsprechstunden Lösungsansätze gefunden und deren Notwendigkeit und Nutzen in Studien belegt. „Jetzt sind Politik und Gesundheitswesen gefordert,“ so Lorenz „diese Modelle zu fördern, bundesweit zu etablieren und mit den notwendigen personellen und infrastrukturellen Ressourcen zu unterstützen, um die Versorgungssituation im Interesse aller entscheidend zu verbessern.“

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Originalpublikation:
Literatur:
K. Benesova et al: Früh- und Screeningsprechstunden: Ein notwendiger Weg zur besseren Frühversorgung in der internistischen Rheumatologie? Rheumatologische Früh- und Screeningsprechstundenmodelle in Deutschland; Z Rheumatol; https://doi.org/10.1007/s00393-019-0683-y © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

idw 2019/10

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