Von der „Gymnastikschwester“ zur akademisch ausgebildeten Physiotherapeutin

Von der „Gymnastikschwester“ zur akademisch ausgebildeten Physiotherapeutin

Das ganztägige Symposium offeriert den Teilnehmern nicht nur einen spannenden und informativen Streifzug durch die Geschichte und gibt Einblicke in die Entwicklung der physiotherapeutischen Ausbildung, sondern diskutiert auch die weitere Positionierung des Fachs in der Medizin. Dabei geht es darum, die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Physiotherapeuten ebenso zu stärken wie die Akademisierung der Ausbildung und des Berufsbildes insgesamt voranzutreiben. Die engen Verbindungen zwischen Physiotherapie und Tanz bestehen ebenfalls seit 100 Jahren – in Form der in Dresden-Hellerau ab 1911 von Émile Jaques-Dalcroze gelehrten Rhythmik und den frühen Vertreterinnen der Physiotherapie, die auch als „Gymnastikschwestern“ firmierten. Auf dem Symposium verdeutlichen Studierende des Bachelor Studiengangs Tanz der Palucca Hochschule für Tanz Dresden mit einer Improvisationsperformance die Parallelen zwischen Tanzkunst und Physiotherapie.

Nach Verletzungen und Operationen sowie begleitend bei chronischen Erkrankungen gehören heute gezielte Bewegungen, Muskelaufbau an Sportgeräten sowie auch Massagen, standardmäßig zur Rehabilitation. Die Grundlage für die staatliche Ausbildung zur Physiotherapeutin / zum Physiotherapeuten in Deutschland wurden dabei vor 102 Jahren in Dresden gelegt, als der sächsische Landtag beschloss, das Prüfungsfach Krankengymnastik und Massage im Rahmen der staatlichen Krankenschwestern-Ausbildung einzuführen. 1919 eröffnete die „Staatsanstalt für Krankengymnastik und Massage“ in Dresden. „Seit den Anfängen hat sich die Physiotherapie erheblich gewandelt. Und doch steht das Fach vor weiteren Herausforderungen. Dazu gehört die interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Physiotherapeuten bei der Behandlung komplexer Erkrankungen. Ohne die Akademisierung des Fachs – in vielen Ländern Europas seit Jahrzehnten etabliert – lässt sich die Physiotherapie nicht weiterentwickeln. Dabei geht es nicht allein um die Ausbildung sondern vor allem darum, diese Form der Behandlung auf ein verlässliches wissenschaftliches Fundament zu stellen“, sagt Prof. Michael Albrecht. Der Medizinische Vorstand des Dresdner Uniklinikums spricht zu Beginn des Symposiums ebenso ein Grußwort wie Barbara Klepsch, sächsische Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz.

„Die Physiotherapie hat durch die Einführung interprofessioneller Komplexbehandlungen beispielsweise bei Parkinson, Multipler Sklerose, Schlaganfall, Mukoviszidose aber auch in der Intensiv- und Palliativmedizin einen deutlichen Schub erhalten. Sie bewegt sich dadurch im Spannungsfeld zwischen der Forderung einer hohen Wirtschaftlichkeit sowie einer wissenschaftlichen Beweispflicht der Wirksamkeit physiotherapeutischer Maßnahmen. Allein mit der in Deutschland üblichen dreijährigen berufsfachschulischen Ausbildung lässt sich dies nicht leisten“, sagt Dr. Andrea Conrad. Die Leiterin der Fachrichtung Physiotherapie an der Carus Akademie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden hat das Programm des am 25. Mai stattfindenden Jubiläumssymposiums maßgeblich mitgestaltet. „Die Physiotherapie muss sich auch in Deutschland zu einer eigenständigen Therapiewissenschaft weiterentwickeln, um dauerhaft die auch von ärztlicher Seite geforderte Qualität erbringen zu können. Dies ist nur mit einem primärqualifizierenden Studiengang möglich. Der von uns mitgetragene ausbildungsbegleitende Studiengang für Physiotherapie an der Dresden International University kann da nur eine Zwischenlösung sein“, ergänzt Katja Prate, Leiterin des Universitäts-Physiotherapie-Zentrums am Dresdner Uniklinikum.

Aufgrund des weiter steigenden Handlungsdrucks steht die Diskussion um die Reform der Physiotherapeutenausbildung im Mittelpunkt des Nachmittagsprogramms des Symposiums. Im Vergleich zum europäischen und auch außereuropäischen Ausland – so kritische Stimmen – hinken die formalen Vorgaben der Ausbildung in Deutschland um 15 bis 20 Jahre hinterher. Dies benachteiligt deutsche Physiotherapeuten nicht nur auf dem europäischen Arbeitsmarkt, sondern schließt sie faktisch aus dem internationalen Forschungskontext aus. Und doch ist das Ringen um eine Reform der Ausbildung nur eine von mehreren Herausforderungen. Neben den interprofessionellen Komplexbehandlungen, die eine deutlich umfassendere und auch zu dokumentierende Erhebung von Befunden einschließt, geben Physiotherapeuten heute verstärkt Therapieempfehlungen für die ambulante Weiterbehandlung. Zudem leiten sie zunehmend Patienten wie auch deren Angehörige zu Selbstbefähigung und Selbstwirksamkeitserleben an und beraten sie diesbezüglich.

Auch der technische Fortschritt verändert das Spektrum der Physiotherapie: Waren es am Anfang Laufbänder und Trainingsgeräte, rücken mittlerweile das Thema E-Health in den Mittelpunkt. Hinzukommen zudem roboterassistierte Therapieansätze, die bereits für die Praxis entwickelt werden. Für Veränderungen sorgen zudem aktuelle neurophysiologische Erkenntnisse zu motorischen Lernprinzipien oder zur motorischen Kontrolle. Damit lassen sich die Gelenke der Patienten noch besser schützen und Sicherheit für den Patienten erhöhen. Ein weiterer physiotherapeutischer Aspekt sind Gesundheitsförderung und Prävention. Ziele sind unter anderem, mit den Zielen eines selbstbestimmten Lebens und des Wohlbefindens die Ressourcen und die Resilienz der Patienten zu stärken.

Mit dem Symposiumsvortrag „Effektive Intervention mit Musikfeedbacktechnologie in Rehabilitation und Prävention“, den Prof. Tom Fritz, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften auf dem Symposium halten wird, schließt sich indirekt der Kreis der Gründergenerationen von Physiotherapie, modernem Tanz und Rhythmik, die vor 100 Jahren in Dresden gewirkt haben. Dazu gehört der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze, der ab 1911 in Dresden-Hellerau die „Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus“ aufbaute. Den Anstoß zur rhythmisch-musikalischen Erziehung gaben seine Klavierschüler: Jaques-Dalcroze hatte festgestellt, dass die Bewegung zur Musik den Lernerfolg seiner Schüler erhöhte. In Hellerau bot das neu gebaute Festspielhaus einen idealen Nährboden, diesen Ansatz für den modernen Tanz zu nutzen.

1920 gründete die Jaques-Dalcroze-Schülerin Mary Wigman eine eigene Schule in Dresden. Gezielte Atem- und Bewegungsübungen gehörten zum Unterricht der Tänzerinnen und Tänzer – ein Mittel, um sich besser und natürlicher auszudrücken. Doch bis zum Einzug in die Medizin dauerte es noch. In der 1953 gegründeten Medizinischen Akademie Carl Gustav Carus, dem heutigen Uniklinikum, formierte sich unter Leitung von Katharina Knauth eine therapeutische Ausdrucksgymnastikgruppe. Den Ansatz fanden auch Studentinnen, Krankengymnastinnen, Schülerinnen der Krankengymnastikschule sowie einige Krankenschwestern spannend und sie fanden sich zu einer Tanzgruppe zusammen. Die Wirksamkeit der von Jaques-Dalcroze genutzten Synergien zwischen Musik, Bewegung und geistigen Fähigkeiten lässt sich inzwischen mit modernen bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) gut belegen. In diesem Zusammenspiel werden zusätzliche Hirnareale aktiviert und auch eine verbesserte Lernleistung lässt sich belegen.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Carus Akademie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Fachrichtung Physiotherapie
Leiterin: Dr. Andrea Conrad
Telefon: 0351 458 20 90
andrea.conrad@uniklinikum-dresden.de

idw 2019/05