Glaukom. Seit April dieses Jahres gehört Prof. Dr. Nils Loewen zum Team der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde des Uniklinikums Würzburg (UKW). Als Leiter der Sektion Glaukom trat er die Nachfolge von Prof. Dr. André Rosentreter an, der nun Chefarzt der Klinik für Augenheilkunde am Helios Universitätsklinikum Wuppertal ist. „Wir sind sehr glücklich, dass wir dieses wichtige Spezialgebiet wieder mit einem so exzellenten Mediziner besetzten konnten“, freut sich Prof. Dr. Jost Hillenkamp, der Direktor der Würzburger Universitäts-Augenklinik.

Ausbildung und Karriere in den USA

Prof. Loewen stammt aus Kempen bei Krefeld. Nach dem Medizinstudium in Freiburg i. Br. und dem „Arzt im Praktikum“ in Tübingen wechselte er im Jahr 2000 an die Mayo Clinic in Rochester/USA. Was zunächst als einjähriger Forschungsaufenthalt geplant war, entwickelte sich zu einer fast 19-jährigen Karriere in den Vereinigten Staaten. „Die weitreichenden Forschungsmöglichkeiten schon als Assistenzarzt und die sehr praxisbasierte Ausbildung in den USA passten sehr gut mit meinen Interessen zusammen, so dass ich mich dort schnell und gut etablieren konnte“, schildert Prof. Loewen. Nach viereinhalb Jahren an der Mayo Clinic und einem „Ph.D.“ in Molekularer Medizin/Gentherapie, waren weitere Karrierestationen das Medical College of Wisconsin in Milwaukee und die Northwestern University in Chicago, wo er seine Facharztausbildung absolvierte.

„Schon am Ende meines Studiums wusste ich, dass mich das Glaukom als besonders heimtückische, weitverbreitete Augenerkrankung mit nach wie vor weitgehend ungeklärter Genese am meisten interessiert“, schildert Prof. Loewen und fährt fort: „Deshalb war ich froh, dass ich für meine weitere Subspezialisierung im Jahr 2008 an die University of California in San Diego wechseln und ein Jahr lang bei dem hochrenommierten Glaukom-Spezialisten Robert Weinreb arbeiten konnte.“ Es folgten drei Jahre an der Yale University, wo er zum Direktor der Glaukom-Abteilung aufstieg. Die letzte berufliche Station vor seinem Wechsel nach Würzburg war die Augenklinik der University of Pittsburgh, wo er zuletzt als Außerordentlicher Professor für Augenheilkunde tätig war. Unter Joel Schuman, dem Miterfinder des wichtigsten Glaukom-Diagnoseinstruments, dem OCT, arbeitete er dort als Sektionsleiter für Glaukom und Katarakte. OCT ist die Abkürzung für „Optical coherence tomography – Optische Kohärenztomographie“. Mit dieser können Schnittbilder des Augenhintergrundes in hoher Auflösung aufgenommen werden.
Millionenschwere Forschungsgelder, fördernde Geldgeschenke von zufriedenen Patienten in einer Gesamthöhe von rund einer Million US-Dollar, zahlreiche Karriere- und Forschungspreise sowie über 100 Fachveröffentlichungen dokumentieren die wissenschaftlichen und medizinischen Leistungen des Glaukom-Spezialisten.

Glaukom – In Diagnostik und Therapie auf modernstem Stand

Seine Rückkehr nach Deutschland hatte mehrere Gründe. Loewen: „Zum einen vermisste ich meine Heimat, zum anderen sehe ich hierzulande einen hohen Bedarf an moderner Glaukomdiagnostik und -therapie – sowie an Spezialisten, die diese umsetzen können.“ So habe sich nach seinen Worten zum Beispiel die Diagnostik in den letzten Jahren so weit entwickelt, dass man heute den Grünen Star feststellen könne, bevor ein Gesichtsfelddefekt entsteht. Schon in den ersten Wochen am UKW führte er die Computer-gestützte Verlaufsanalyse als objektive Diagnosemöglichkeit für Glaukom ein. Bei der Therapie ist der Würzburger Neuzugang ein ausgewiesener Experte für modernste minimalinvasive Eingriffe, namentlich der Trabektomchirurgie. Hierbei wird der Schlemm-Kanal als zentraler Abflussweg mittels Elektroablation eröffnet, so dass das Kammerwasser aus dem Augeninneren leichter abfließen kann. „Nach meiner Erfahrung kann diese Methode in unterschiedlichen Phasen der Erkrankung extrem hilfreich eingesetzt werden – bei 20-fach reduziertem operativen Risiko“, berichtet Prof. Loewen.

Neue Ansätze in Forschung und Lehre

In der Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit der Entwicklung und Erprobung eines neuen gentherapeutischen Medikaments, mit dem sich der Augenabfluss manipulieren lässt. „Im Tiermodell haben wir die vielversprechende Beobachtung gemacht, dass sich mit nur einer einzigen Injektion des Wirkstoffs der Augendruck für 150 Tage senken lässt“, erläutert Prof. Loewen.
Aufgrund der erhöhten Lebenserwartung steigt die Glaukom-Inzidenz weltweit mit hohen Wachstumszahlen. „Wir müssen uns bemühen, den daraus resultierenden Bedarf an spezialisierten Augenärzten zu decken“, betont der Sektionsleiter. Deshalb plant er eine noch umfassendere und strukturiertere Ausbildung – sowohl im Grundlagen-, wie auch im Spezialwissen zum Glaukom.
Die Bedingungen für fortschrittliche Glaukom-Medizin sind nach seiner Einschätzung in Würzburg nahezu ideal. „Die Augenklinik kann sich dabei in Diagnose, Behandlung und Forschung auf jahrzehntelange gute Traditionen stützen. Die Kopfklinik bietet eine sehr gute technische und räumliche Ausstattung. Zudem sind die Wege zwischen den Therapiebereichen und den Labors kurz“, lobt Prof. Loewen.

 

Über das Glaukom

Weltweit ist das Glaukom nach dem Grauen Star die zweithäufigste Erblindungsursache. Das Fatale am Verlauf der Erkrankung ist, dass die Sehschärfe lange Zeit erhalten bleibt, während sich das Gesichtsfeld durch den absterbenden Sehnerv sukzessive und vom Betroffenen unbemerkt verkleinert.

Ein erhöhter Augeninnendruck ist der wichtigste Risikofaktor für den Grünen Star, allerdings sind erhöhter Augendruck und Glaukom nicht immer streng miteinander verknüpft: Ein erheblicher Teil der Glaukom-Erkrankungen entsteht bei „normalem“ Augeninnendruck. Umgekehrt gibt es Menschen mit erhöhtem Augeninnendruck, die kein Glaukom entwickeln. Mit diversen Therapiemethoden kann die Augenheilkunde erfolgreich gegen Glaukom ankämpfen, aber viele Fragen zu den beim Grünen Star ablaufenden Prozessen sind noch ungeklärt. Zum Teil sind sie noch Gegenstand der Grundlagenforschung.

idw 2019/05