Rauchstopp per E-Zigarette: Wo Pragmatismus gefragt ist

Rauchstopp per E-Zigarette: Wo Pragmatismus gefragt ist

Dass Tabakrauchen ein ganz und gar gesundheitsschädliches Verhalten ist, dass Jahr für Jahr für unzählige Krankheitsfälle und im gleichen Zeitraum für ungefähr 700.000 vermeidbare Todesfälle in Europa verantwortlich ist, dürfte jedem bewusst sein, der zu Zigarette, Zigarre und Co. greift.

Tatsache ist, dass auch die immer stärker in den Markt vordringende E-Zigarette ihre ganz eigenen Risiken hat. Aber es ist ebenfalls eine Tatsache, dass gerade aus medizinischer Sicht hier zu häufig sehr orthodox gedacht wird: Beides wird gleichermaßen kritisiert und sofortige Abstinenz als einziges Lösungsmittel propagiert.

Tatsächlich wäre es jedoch ein besserer Ansatz, hier weitaus mehr Pragmatismus anzusetzen. Denn faktisch bleiben bis auf die Risiken des Nikotins selbst beim Dampfen keine der mannigfaltigen Gesundheitsrisiken, welches das Tabakrauchen ausmachen – wodurch Dampfen zur, aus Sicht eines echten Rauchers, tatsächlich „gesünderen“, aus medizinischer Sicht immerhin weniger risikoreichen Alternative wird.

Pragmatisch wäre es, dies anzuerkennen, um das Dampfen als Entwöhnungshelfer für all jene zu nutzen, welche nicht über die mentale Stärke verfügen, dem Nikotin „von heute auf morgen“ zu entsagen – die natürlich überwältigende Mehrheit.

Doch das funktioniert nur, indem sich Mediziner selbst bewusst machen, warum Dampfen die Entwöhnung erleichtern kann. Das möchte der folgende Artikel unterstützen.

 

  1. Die Technik

Dampfen ist, bezogen auf die gesamte Geschichte des Tabakkonsums, nicht mal ein Fingerschnipp, denn wirklich zum breitgesellschaftlichen Phänomen wurde es erst in den 2010ern.

Allerdings hat sich darum eine wahrhaft globale Szene gebildet. Und für viele davon ist der bestimmende Faktor die Technik.

Eine E-Zigarette, von denen, die sie nutzen, etwas weniger stumpf auch „Dampfe“ genannt, ist ein komplexes technisches Gerät. Dies gilt selbst für Modelle einfachsten Aufbaus, bei denen nur ein Ein/Aus-Schalter integriert ist und die ansonsten keine weiteren Funktionen bzw. Justierbarkeiten haben.

Doch je höher man geht, desto mehr überwiegt die Technik, kommen die Geräte mit Displays, können in Strom, Spannung und elektrischem Widerstand reguliert werden.

Die E-Zigarette ist der Nikotin-Applikator für eine sowieso sehr technisierte Generation, für die „Gadgets“ aller Art zum Alltag dazugehören. Dagegen wirkt die klassische Zigarette fast schon archaisch.

Dampfen sieht schon auf der rein technischen Grundlage für viele Menschen zeitgenössischer aus. Es lässt sich simpler nutzen und befriedigt auch noch einen gewissen technischen Spieltrieb. Schon von dieser Warte aus (und weil es im Gegensatz zu omnipräsenten Zigarettenfiltern keinen Müll produziert), ist es bereits zu begrüßen.

 

  1. Das Ritual

Rauchen ist ein immergleiches Ritual. Eines, das einen nicht nur an bestimmte Räume bindet, sondern auch für eine bestimmte Zeitspanne festlegt.

Auch dies ist beim Dampfen anders. Es beginnt abermals bei der „Dampfe“ selbst, welche durch ihre Bauform praktisch gar nichts mehr mit irgendeiner Form von Tabakkonsum gemein hat – die anfangs noch verwendeten Geräte, die Form und Optik einer Zigarette hatten, sind faktisch vom Markt verschwunden.

Die Rauchentwöhnung beginnt hier schon damit, dass der Nutzer ein vollkommen anderes Griffgefühl hat, sodass nach einer gewissen Zeit nicht mehr jeder dünne zylindrische Gegenstand (etwa Schreibgeräte) automatische Assoziationen zur Zigarette und damit die Lust daran weckt.

Ferner ist des dank E-Zigaretten möglich, das angesprochene Ritual abzukürzen: Die Preiserhöhungen der vergangenen Jahre hatten den Nebeneffekt, dass die einzelne Zigarette für den Raucher deutlich wertvoller wurde. Demensprechend rauchen die meisten nun eine einmal begonnene „Kippe“ bis zum Ende, auch wenn der Wunsch nach einem Nikotinkick schon vorher gestillt ist.

Das wiederum sorgt für eine hohe Nikotinzufuhr pro Dosis und demensprechend kontraproduktive, verstärkte Abhängigkeit.

Die E-Zigarette indes ermöglicht eine ungleich dosiertere Zufuhr bis hin zum kurzen Einzelsaugen zwischendurch. Der Nutzer dampft also nur dann, wenn ihm danach ist und die Sucht befriedigt werden möchte – und auch nur so lange, bis die Sucht befriedigt ist, sodass bei vielen Umsteigern die Gesamtzufuhr von Nikotin pro Tag signifikant verringert wird, obwohl der Nikotingehalt der „Liquids“, also jenen nikotinhaltigen flüssigen Verbrauchsstoffen, ähnlich dem von Zigaretten ist – aber es nicht sein muss.

 

  1. Die Liquids

Der technische Faktor ist ein Grund, warum viele Menschen auf E-Zigaretten umsteigen. Der andere ist der, dass hierbei eine im Vergleich zu Tabak enorm gesteigerte Geschmacks-Variabilität möglich ist.

Mittlerweile dürfte es müßig zu sein, nach einer Geschmacksrichtung zu suchen, die nicht als Liquid von einem der zahllosen Hersteller angeboten wird. Es dürfte unter sämtlichen Nahrungs- und Genussmitteln nichts mehr geben, das nicht durch Aromastoffe auch in der E-Zigarette möglich wäre.

Das brachte zwar den medizinisch interessanten Nebenaspekt der in Fachkreisen sogenannten „Dampferzunge“ hervor, bei der nach einiger Zeit des Konsums der Geschmack gefühlt schwächer wird, hat aber für den Umstieg enorme Vorteile: Die Gewöhnung des Körpers an einen bestimmten Geschmack und die Nikotinzufuhr kann vom reinen Aroma verbrannten Tabaks abgekoppelt werden.

Nach einiger Zeit verbindet der umgestiegene „Dampfer“ Apfel, Cola oder „Schoko-Nuss-Torte“ geschmacklich mit der Nikotinzufuhr, was ihn mental weiter vom Tabak entfernt.

Der sicherlich für eine Entwöhnung schwerwiegendste Vorteil ist jedoch folgender: Liquids werden in unterschiedlichen Nikotingehalten bis zu Null Milligramm angeboten.

Es ist dem Dampfer also möglich, schrittweise seine Nikotinzufuhr zu drosseln, ohne dabei auf den eigentlichen Charakter des Rauchens verzichten zu müssen – ein enormer psychologischer Aspekt.

Die Entwöhnung vom Nikotin erfolgt so für den Körper weitgehend unbemerkt und praktisch ohne Entzugserscheinungen. Das einzige, was der angehende Ex-Raucher zu beachten hat, ist, dass er willentlich in regelmäßigen Abständen auf schwächer dosierte Liquids umsteigen muss.

Tatsächlich ist allein das Netz voll von Testimonials über die Wirksamkeit dieses sanften, geradezu unbemerkten Nikotinentzugs. Zudem sollten nicht-überzeugte Mediziner auch bedenken, dass E-Zigaretten im Vereinigten Königreich als anerkannte Entwöhnungsmaßnahme dem staatlichen Gesundheitssystem unterliegen – die britische Regierung geht davon aus, dass das Dampfen allein jährlich mindestens 20.000 Raucher umgewöhnen würde.

Fazit

Dass Nikotin ein enorm hohes Abhängigkeitspotenzial innewohnt, welches weit über dem einiger kontrollierter Drogen liegt, ist unbestritten. Ebenso unbestritten ist es auch, dass es das gesundheitliche Optimum darstellt, wenn ein bisheriger Nichtraucher und Nichtdampfer weder mit dem einen noch dem anderen beginnt.

Doch rein auf die Entwöhnung vom Rauchern bezogen sollte heute medizinischer Pragmatismus das Diktat der Stunde sein. Rauchen ist ein Feind, Dampfen von nikotinhaltigen Liquids ebenfalls, doch hier sollte gelten „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ – denn E-Zigaretten sind das geringere Übel und nur darauf kommt es an.

 

 

S.