„Translationale Forschung ist angesichts des ungebrochenen Vormarsches der großen Volkskrankheiten und des demografischen Wandels eine dringliche Herausforderung. Von der schnelleren Umsetzung von Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung in den klinischen Alltag werden in erster Linie die Patientinnen und Patienten profitieren“, sagte Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann (Universitätsmedizin Greifswald) als Tagungspräsident zur Eröffnung des TMF-Jahreskongresses am 20. März 2019 im großen Vortragssaal des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) auf dem Bonner Venusberg. Dabei gelte es ebenso Fachgrenzen zu überwinden wie eine Kultur der Datenteilung zu etablieren. „Insbesondere heißt Translation: Rausgehen, Schauen, Zuhören, wo die offenen Bedarfe in der Versorgung sind und diese gezielt durch Forschung füllen“, so Hoffmann weiter. Dazu müssen Medizinforscherinnen und -forscher die Rahmenbedingungen der Versorgung kennen und Betroffene aktiv in die Forschung einzubeziehen.

Im Rahmen des 11. TMF-Jahreskongresses berieten medizinische Forscherinnen und Forscher, Medizininformatikerinnen und -informatiker, Biobanken-Expertinnen und -Experten sowie Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Forschungsförderung über die Voraussetzungen für eine erfolgreiche translationale Forschung in Deutschland. Gegenwärtig werden umfangreiche Ressourcen und viel Zeit investiert, bis ein neues medizinisches Diagnostik- oder Therapieverfahren den Weg vom Labor in die breite Anwendung schafft. Die translationale Forschung möchte diesen Prozess beschleunigen, sodass Patienten schneller von neuen Erkenntnissen aus der Forschung profitieren. Translation ist ein komplexer Prozess, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Praxis vor große Herausforderungen stellt. Sie erfordert interdisziplinäres Denken und Handeln an den Schnittstellen zwischen Forschung, Klinik und Versorgung. Dabei rückt der Mensch in den Mittelpunkt. Digitalisierung und Personalisierung gelten als Schlüssel für den Fortschritt.

Als Gastgeber beschrieb Prof. Dr. Dr. Pierluigi Nicotera (DZNE) vor den rund 160 Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern den Trend zur Forschung an und mit großen Datenmengen: „Die internationalen Technologie-Konzerne investieren massiv Mittel in diesen Bereich und beginnen mit der Ernte von individuellen Gesundheitsdaten. Hier muss öffentlich geförderte Forschung Schritt halten und selbst konkrete Beiträge zu einer besseren Gesundheitsversorgung der Patientinnen und Patienten leisten.“ Zentral hierfür sei die Zusammenarbeit der Forschenden auf nationaler und internationaler Ebene. Das DZNE und die TMF arbeiteten für dieses Ziel bereits Hand in Hand.

Die breite Beteiligung der deutschen medizinischen Verbundforschung am diesjährigen TMF-Kongress unterstreiche laut TMF-Vorstandsvorsitzendem Prof. Dr. Michael Krawczak (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel) die Bedeutung des Kongressthemas: „Die schnelle Übersetzung neuer grundlegender Erkenntnisse der medizinischen Forschung in die passgenauere Versorgung einzelner Menschen ist eine große Herausforderung. Die Voraussetzungen für eine personalisierte Medizin werden dabei nur im Zusammenspiel verschiedener Fachgebiete und im bundesweiten Austausch von Forschungsdaten zu schaffen sein.“ Dieses Credo des Mehrwertes der standortübergreifenden Zusammenarbeit trage die TMF seit ihrer Gründung vor 20 Jahren „in ihren Genen“. Innovative Versorgungsmodelle wie das ebenfalls auf dem Kongress vorgestellte Zentrum für Personalisierte Medizin Baden-Württemberg oder das computergestützte Interventions-Management-System der DelpHi-Studie zur Verbesserung der Versorgung von Demenzerkrankten in Mecklenburg-Vorpommern leisten einen wichtigen Beitrag zu einer schnellstmöglichen und flächendeckenden individuellen Diagnosestellung und Behandlungsstrategie.

Neben Querschnittsthemen wie Datenschutz, semantische Datenintegration, Qualitätssicherung und Netzwerkmanagement prägten vor allem zahlreiche Best Practice-Beispiele der translationalen Forschung das Kongressprogramm. Digitale Tools und Instrumente der patientennahen Forschung wie zum Beispiel die in Kooperation mit dem DZNE entwickelte NEOTIV-App für die Alzheimer-Früherkennung ermöglichen, patientenerhobene Daten als „Citizen Science“ in die wissenschaftlichen Erkenntnisprozesse einzubeziehen. Prof. Dr. Hans-Ulrich Prokosch (Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg) rief dazu auf, die aktive Teilhabe der Patientinnen und Patienten an medizinischen Forschungsprozessen auszubauen. Hierzu stellte er den Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmern die Idee eines zukünftigen digitalen Patientenforschungsdatenportals vor.

Auch die Bundesregierung rückt die schnelle Translation zur Verbesserung der Patientenversorgung in den Fokus des vor kurzem verabschiedeten Rahmenprogramms Gesundheitsforschung. Mit der Gründung von zwei neuen Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung sollen Forschung und Versorgung noch enger vernetzt werden. Prof. Dr. Jutta Gärtner (Universitätsklinikum Göttingen) informierte auf dem Kongress über den aktuellen Planungsstand des neuen Deutschen Zentrums für die Kinder- und Jugendgesundheit. Patientennahe translationale Forschung sei dabei ein wesentlicher Erfolgsfaktor etwa für die Behandlung seltener Erkrankungen, die sich zumeist im Kindes- und Jugendalter manifestierten. Mangels ursächlicher Therapieoptionen verlaufen diese „allein gelassenen (engl.: orphan)“ Krankheiten noch allzu oft lebensverkürzend. Translationale Ansätze bieten Chancen, dies zu ändern.

idw 2019/03