Wie sieht in Zeiten einer rasant wachsenden Weltbevölkerung ein verantwortungsvoller Umgang mit den verfügbaren Wasserressourcen aus? „Zunächst ist es wichtig zu verstehen, welche Wasserreserven überhaupt zur Verfügung stehen“, sagt ISOE-Wasserexperte Stefan Liehr. Geht man von der globalen Wassermenge aus, die im natürlichen Kreislauf zirkuliert, dann bieten sich rund 99 Prozent nicht für die Trinkwasserversorgung an. Denn es handelt sich entweder um in polaren Eisdecken oder Gletschern gefrorenes Wasser oder um Salzwasser, das nur unter erheblichem Kosten- und Energieaufwand entsalzt und in Trinkwasserqualität überführt werden kann. „Von dem verbleibenden rund einen Prozent, das für Menschen als Süßwasser in Frage kommt, stammt nur ein verschwindend kleiner Anteil aus Flüssen und Seen, der aber in vielen Regionen der Welt bereits stark übernutzt und verschmutzt ist“, erklärt Liehr. „Dieselbe Situation stellt sich bei dem anderen, weitaus größeren Anteil dar, der als Grundwasser vorliegt. Auch dieses Wasser ist je nach Region bereits stark übernutzt.“

Die Verfügbarkeit von Wasser in guter Qualität und ausreichender Menge ist aber sowohl für die nachhaltige Entwicklung von Gesellschaften als auch für intakte Ökosysteme zwingend. „Wenn wir bei der weltweiten Wasserversorgung niemanden zurücklassen wollen, wie die Vereinten Nationen das in den Nachhaltigkeitszielen erklärt haben, müssen wir Wasser konsequent mehrfach nutzen“, sagt Wasserexperte Liehr. „Anstatt die letzten Grundwasserressourcen zu erschließen, die sich zudem teilweise nur sehr langsam erneuern, müssen wir Abwasser als zusätzliche Wasserressource etablieren. Damit können wir den Druck auf den natürlichen Wasserkreislauf deutlich verringern.“

Druck auf Trinkwasserreserven verringern – Abwasser im Kreislauf führen

„Eine regelrechte Wasserwende hin zu einer nachhaltigen Nutzung aller vorhandenen Ressourcen ist möglich und eine wichtige Voraussetzung für die weltweite Wasser- und Sanitärversorgung“ meint Martin Zimmermann, ebenfalls Wasserforscher am ISOE. Dafür spiele die Übertragung des Kreislaufprinzips auf die Nutzung von Wasser eine entscheidende Rolle. Leicht verschmutztes Abwasser aus Haushalten, zum Beispiel aus Handwaschbecken und Duschen, kann mit vergleichsweise geringem Aufwand aufbereitet und für die Toilettenspülung oder Gartenbewässerung wiederverwendet werden. „Kerngedanke eines nachhaltigeren Umgangs mit Wasser ist, dass nicht für alle Zwecke Trinkwasser benötigt wird. Für unter-schiedliche Bedarfe können auch unterschiedliche Qualitäten aufbereiteten Wassers zur Verfügung gestellt werden, die zum Beispiel von Trinkwasser bis hin zu Wasser für die Bewässerung reichen“, sagt Zimmermann.

Gerade im Hinblick auf die Sanitärversorgung in Ländern mit großer Wasserknappheit bietet die Wiederverwendung von Wasser ein großes Potenzial. „Eine geregelte Sanitärversorgung verbessert nicht nur die gesundheitliche Situation der Bevölkerung, sondern bietet durch die Wiederverwendung beispielsweise auch die Möglichkeit der landwirtschaftlichen Bewässerung zur Produktion von Lebensmitteln für den menschlichen Gebrauch oder von Futtermitteln“, berichtet Zimmermann. Entsprechende ressourceneffiziente Technologien zur Wasserwiederverwendung werden vom ISOE weltweit erfolgreich erprobt.

Technologische und gesellschaftliche Transformationen für weltweite Wassersicherheit

Um Wassersicherheit im Weltmaßstab gewährleisten zu können, seien aber noch weitere Bausteine zentral. „Um drei zu nennen: Wir müssen weiterhin neue Infrastrukturkonzepte umsetzen und testen, entsprechende Transformationsprozesse mit Blick auf die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteuren wissenschaftlich begleiten und zum Beispiel Instrumente wie Wasserbedarfsprognosen für schnellwachsende Megacities konsequenter nutzen“, sagt Martin Zimmermann. Relevant für Wassersicherheit sei zudem auch, dass die politischen Entscheidungsträger Ergebnisse und Empfehlungen aus der Forschung für die Strategieentwicklung einer nachhaltigen Wasser- und Sanitärversorgung nutzten.

Neben diesen technischen Transformationen sei aber auch die Gesellschaft gefragt, für eine „Wasserwende“ umzudenken. „Es ist wichtig, dass gerade auch die Konsumenten in den als wasserreich geltenden Industrieländern den globalen Zusammenhang im Hinblick auf ihren Verbrauch besser verstehen und dann auch gegensteuern“, erklärt Stefan Liehr. Denn Wasser werde nicht nur zuhause am Wasserhahn verbraucht, sondern auch „virtuell“, das heißt versteckt im Alltag. „Indem wir Nahrungsmittel und andere Produkte, wie zum Beispiel Baumwolle, die oft in weitaus wasserärmeren Ländern angebaut oder hergestellt wird, konsumieren, tragen wir dazu bei, dass in anderen Regionen der Erde prekäre Wasserressourcen übernutzt und Ökosysteme gefährdet werden.“ Es sei deshalb wichtig, ein Bewusstsein für diesen „ökologischen Rucksack“ zu schaffen, um den individuellen Wasserverbrauch zu reduzieren.

Über das ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main

Das ISOE gehört zu den führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Seit 30 Jahren entwickelt das Institut wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsfähige Konzepte für Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft – regional, national und international. Zu den Forschungsthemen gehören Wasser, Energie, Klimaschutz, Mobilität, Urbane Räume, Biodiversität und sozial-ökologische Systeme.

wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Stefan Liehr
Forschungsschwerpunktleiter Wasserressourcen und Landnutzung
Tel. +49 69 707 69 19-36

Dr. Martin Zimmermann
Forschungsschwerpunktleiter Wasserinfrastruktur und Risikoanalysen
Tel. +49 69 707 69 19-44

idw 2019/03