Kongress Armut und Gesundheit an der TU Berlin gestartet

Armut und Gesundheit. „Ob Klimawandel, soziale Ungleichheit, Feinstaub oder Tabakkontrolle: Politische, gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen und Entscheidungen haben einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung“, so Prof. Ansgar Gerhardus, Leiter der Abteilung für Versorgungsforschung am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Public Health (DGPH) e.V. Er bringt damit die Spannbreite dessen, was Einfluss auf Gesundheit hat, auf den Punkt.

Armut und Gesundheit

Um Gesundheit geht es auf dem Kongress. Aber sie wird weniger als die Abwesenheit von Krankheit und viel mehr im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als ein umfassendes körperlich-seelisches und soziales Wohlbefinden verstanden. Und um Armut geht es, wobei mehr als nur finanzielle Armut in den Blick genommen wird. Es geht um erlebten Mangel, aber genauso um verminderte gesellschaftliche Teilhabe.

TU Berlin beteiligt sich mit Vorträgen sowie einem Science Slam und ist einer von mehreren Veranstaltern des Kongresses

„Inzwischen ist dies Deutschlands größter Kongress für Public Health“, so Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin. „Es geht hier sowohl um die Verteilung von gesundheitlichen Risiken und Chancengleichheit als auch um Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung und in Gesundheitssystemen.“ Dies seien ebenso Schwerpunkte der Arbeit an der Technischen Universität Berlin. Stichworte hierfür sind u.a. Zugang zur und Qualität der Gesundheitsversorgung global, die Versorgung von Geflüchteten in Deutschland und die Wirkungen von Gesundheitsausgaben auf das Verarmungsrisiko. Das Fachgebiet von Prof. Busse beteiligt sich mit diversen Formaten am Kongress. Geplant sind Vorträge von Forschenden der Technischen Universität Berlin und etwa auch ein Science Slam zu Themen der Gesundheitsforschung, organisiert von TU-Studierenden.

Die TU Berlin ist – ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Public Health (DGPH) e.V. und die Berlin School of Public Health – Mitveranstalter des Kongresses Armut und Gesundheit, der von Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. ausgerichtet wird. Seit 1993 gibt es den Kongress Armut und Gesundheit. Er hat seither nicht an Bedeutung verloren. In den letzten Jahren fordert der Kongress vehement, die politischen Fachgrenzen zu überschreiten und das Thema Gesundheit als ein gesamtgesellschaftliches zu begreifen. „Health in All Policies“ nennt sich das, etwas abstrakt.

Themenvielfalt und Perspektive auf Armut und Gesundheit lässt sich am Beispiel der Chancen von Kindern, gesund aufzuwachsen, gut beleuchten

Auf dem Kongress präsentiert das Robert Koch-Institut aktuelle Analysen zur Entwicklung der gesundheitlichen Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Sie basieren auf Daten der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS). „Eine vergleichbare Analyse liegt für Deutschland bislang nicht vor“, erörtert Dr. Thomas Lampert, Leiter des Fachgebietes Soziale Determinanten für Gesundheit. Was die Zahlen deutlich machen, ist, dass sich zwar die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen insgesamt verbessert hat, „die Trendergebnisse jedoch nach wie vor für einen hohen Grad an Ungleichheiten sprechen.“ Dies zeigt sich besonders stark beim Konsum zuckerhaltiger Getränke und beim allgemeinen Gesundheitszustand. „Die unverändert hohen und zum Teil ausgeweiteten gesundheitlichen Ungleichheiten weisen darauf hin, dass Heranwachsende aus sozial belasteten Familien von den bislang umgesetzten Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter noch nicht gleichermaßen profitieren“, so Lampert.

„Für alle Kinder und Jugendlichen ist das Leben von der Zeugung bis zum Berufseintritt ein Hürdenlauf“, kommentiert Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. und des Paritätischen Gesamtverbandes e.V. Aber: „Für ärmere Kinder sind fast alle Hürden höher, sie stehen unregelmäßiger, sie fallen leichter um. Jede ‚gerissene‘ Hürde verschlechtert die Chancen, die nächsten Hürden erfolgreich zu nehmen.“

Kongressteilnehmende zeigen Strategien und Instrumente für eine erfolgreiche Gesundheitsförderung auf

„Strategien für ein gesundes Aufwachsen müssen im Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen ansetzen. Hier kommt der Schaffung von gesunden Lebenswelten eine besondere Bedeutung zu“, so Susanne Borkowski, die 15 Jahre als Kitaleiterin gearbeitet hat und heute Geschäftsführerin des Vereins KinderStärken e.V. und Professorin für Kindheitswissenschaften an der Hochschule Magdeburg-Stendal ist. Lebensbedingungen und Ressourcen der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Familien müssten ebenso einbezogen werden wie umwelt- und gesellschaftsbezogene Faktoren, wenn es um die Umsetzung von Interventionen geht, die Gesundheit verbessern sollen. „Insbesondere Kitas und Schulen, aber auch Kommunen, sind als Orte des Lebens und Lernens aufgefordert, Gesundheitsförderung als Querschnittsthema zu verstehen und als Gestaltungsprinzip aufzugreifen und umzusetzen.“

„Ein gutes Beispiel hierfür“, so Brandenburgs Sozialstaatssekretär Andreas Büttner, „ist das Modellprojekt ,Schulgesundheitsfachkräfte‘, das in Brandenburg umgesetzt wird. Schulgesundheitsfachkräfte erreichen im Lebensraum Schule alle Kinder und können zur Gesundheitsförderung beitragen.“

Büttner formuliert, wie schwierig es sei, diejenigen zu erreichen, die der Unterstützung am meisten bedürfen: „Alle Kinder sollen gesund und unbeschwert aufwachsen können. Das ist mein Anspruch und Ziel gemeinsam mit den gesundheits- und sozialpolitischen Akteuren in Brandenburg. Dazu muss es uns noch besser gelingen, vor allem Menschen in schwierigen sozialen Lagen zu erreichen und ihnen Möglichkeiten zu einer gesunden Lebensführung zu eröffnen. Mit unserer Initiative ‚Starke Familien – Starke Kinder‘, Runder Tisch gegen Kinderarmut ist uns das schon gut gelungen.“

Tatsächlich bedarf es einer politischen Gesamtstrategie, um die Ursachen von Ungleichheit wirksam zu bekämpfen. Rolf Rosenbrock hierzu: „Der Ansatz ‚Health in All Policies‘ (gesundheitsförderliche Gesamtpolitik) geht weit darüber hinaus, Benachteiligungen zu kompensieren. Er fragt nach den Gründen dieser Benachteiligungen und fordert deren Bearbeitung.“ Als Beispiel nennt er die Kindergrundsicherung. Hier gilt es zu schauen und entsprechend politisch zu agieren: „Was braucht das Kind für ein sozial und gesundheitlich gelingendes Leben? Welche Akteure aus welchen Politikbereichen müssen was tun und leisten, um den Weg zu mehr Chancengleichheit zu bahnen?“

Noch bis morgen werden die Teilnehmenden des Kongresses Armut und Gesundheit 2019 darüber und über viele andere Themen zur Verbesserung gesundheitlicher Chancengleichheit in Deutschland diskutieren. Nähere Informationen finden Sie unter www.armut-und-gesundheit.de. Dort steht ab Freitag auch Bildmaterial zum Kongress Armut und Gesundheit 2019 zur Verfügung. Nutzen Sie gern den Hashtag #KongressArmutGesundheit, um sich in den Sozialen Medien zum Kongress auszutauschen.

Zeit: 14.-15. März 2019
Ort: Technische Universität Berlin, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin

Weitere Informationen:
Marion Amler
Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V.
Friedrichstr. 231
10969 Berlin
Tel.: 030 – 44 31 90 72

idw 2019/03

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