Widerständiges Verhalten: Die französische Ärztin Adélaïde Hautval in Auschwitz und danach

Widerständiges Verhalten: Die französische Ärztin Adélaïde Hautval in Auschwitz und danach

Das Thema „Ärztliche Ethik“ ist ein zentrales Thema des Medizinstudiums an der Universität Witten/Herdecke (UW/H). Ihre Veranstaltungsreihe „Ärztliche Bewusstseinsbildung und Ethik am Beispiel der Medizin im Nationalsozialismus“ hat die UW/H nun überarbeitet und dazu ein Curriculum für die kommenden drei Jahre entwickelt. Den Auftakt bildet der Einführungsvortrag von Prof. Dr. Peter Selg. Er trägt den Titel: „Widerständiges Verhalten: Die französische Ärztin Adéla?de Hautval (1906-1988) in Auschwitz und danach“ und findet statt am 25. Oktober 2018 (18 Uhr, Audimax).

Welche inneren Haltungen gegenüber dem Menschen und dem eigenen Beruf trugen Ärztinnen und Ärzte im Dritten Reich? Was folgte daraus? Und was kann an diesem Extremfall für heutige Fragestellung und Herausforderungen der medizinischen Ethik gelernt werden? Um Fragen wie diese wird es in der dreijährigen Veranstaltungsreihe gehen, die in Zusammenarbeit zwischen dem Integriertem Begleitstudium Anthroposophische Medizin (IBAM), dem Ita Wegman Institut für anthroposophische Grundlagenforschung, dem Studium fundamentale und dem neuen Curriculum Berufliche Persönlichkeitsentwicklung und Innere Arbeit des Modellstudiengangs Humanmedizin angeboten wird.

In der öffentlichen Auftaktveranstaltung befasst sich Prof. Selg mit Dr. med. Adélaïde Hautval (1906-1988), die 1933 über posttraumatische psychische Störungen an der Universität Strassburg promovierte. Sie kam als nichtjüdische Gefangene am 27. Januar 1943 nach Auschwitz-Birkenau, nachdem sie im besetzten Frankreich gegen die Misshandlung von Juden protestiert und sich selbst einen gelben (Papier-)Stern angesteckt hatte. In Auschwitz-Birkenau arbeitete sie im Häftlingskrankenbau unter katastrophalen Bedingungen, aber mit hohem therapeutischem Einsatz. Nachdem sie im April 1943 ihre Mithilfe an medizinischen Experimenten an weiblichen Gefangenen in Block 10 verweigert hatte, entging sie nur unter denkwürdigen Umständen dem Gaskammer-Tod. Sie wurde im August 1944 in das KZ Ravensbrück verlegt, arbeitete auch dort als Ärztin für die Gefangenen und erlebte die Lagerbefreiung. Nach dem Kriegsende wirkte sie als Schulärztin in Besançon und bei Paris (Groslay), war Zeugin im Nürnberger Ärzteprozess sowie im Prozess gegen die führenden SS-Ärzte Clauberg, Schumann und Dering. Der Richter des Londoner Dering-Prozesses sprach von ihr als „vielleicht einer der eindruckvollsten und mutigsten Frauen, die jemals vor einem englischen Gericht ausgesagt haben“. In ihrem Engagement für Menschenrechte und Demokratie beteiligte sich Adélaïde Hautval auch an tagespolitischen Vorgängen, protestierte gegen den französischen Kolonialismus und die Folter in Algerien. 1988 beging sie im Alter von 82 Jahren Suizid. Ihre wichtigen Aufzeichnungen „Médecine et crimes contre l’humanité“ wurden erst posthum veröffentlicht.

Zum Hintergrund
Ärztinnen und Ärzte trafen in Auschwitz-Birkenau die Selektionsentscheidungen über Leben und Tod, überwachten den Tötungsvorgang in den Gaskammern und führten qualvolle medizinische Experimente aus. Andere Ärztinnen und Ärzte, die der Gruppe der Gefangenen angehörten, versuchten dagegen alles zu tun, um den Opfern beizustehen, wobei sie oftmals in unlösbare Situationen gerieten. Das Seminar führt in die Innenwelt des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau ein, beschäftigt sich mit einzelnen Lebensgeschichten und wirft aktuelle Grundsatzfragen der Medizinethik und des handelnden ärztlichen Selbstverständnisses auf.

Das auf drei Jahre ausgelegte Curriculum „Ärztliche Bewusstseinsbildung und Ethik am Beispiel der Medizin im Nationalsozialismus“ hat in jedem Jahr einen thematischen Schwerpunkt, in dessen Zentrum der Besuch eines Konzentrationslagers oder Ortes der Vernichtung im Dritten Reich steht. Dazu erfolgen reflexive und inhaltliche Vorbereitungen sowie eine Aufarbeitung unter der Aufgabenstellung des Transfers in die Gegenwart.

Jahresthemen und Exkursion-Orte
– 2018/19: SS-Ärzte und Häftlingsärzte – ärztliches Verhalten in Grenzsituationen. Vom Selbstverständnis der Medizin zwischen Vernichtung, Instrumentalisierung und Heilung des Menschen – Grenzerfahrungen des ärztlichen Selbstverständnisses heute. Exkursion zum Konzentrationslager Auschwitz/Birkenau
– 2019/20: Politisch-soziale Diskriminierung und Verfolgung. Das entstellte Bild des Menschen. Exkursion zum Konzentrationslager Buchenwald/Weimar
– 2020/21: Die Freigabe der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Das negierte Lebensrecht des Anders-Seienden. Exkursion zur Tötungsanstalt Grafeneck (und voraussichtlich Hadamar)

Weitere Informationen: Diethard Tauschel, diethard.tauschel@uni-wh.de oder 02302 / 926-733

Über uns:
Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) nimmt seit ihrer Gründung 1982 eine Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft ein: Als Modelluniversität mit rund 2.500 Studierenden in den Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Kultur steht die UW/H für eine Reform der klassischen Alma Mater. Wissensvermittlung geht an der UW/H immer Hand in Hand mit Werteorientierung und Persönlichkeitsentwicklung.

Witten wirkt. In Forschung, Lehre und Gesellschaft.

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idw 2018/10