Zwei Drittel aller Deutschen sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen: Rückenbeschwerden und Rückenerkrankungen sind statistisch das gravierendste Gesundheitsproblem in der Arbeitswelt, sie verursachen rund ein Achtel aller Fehlzeiten, die Produktionsausfallkosten und der Ausfall an Bruttowertschöpfung betragen bundesweit etwa 17 Milliarden Euro pro Jahr.

Besonders gefährdet ist der untere Rücken. Um hier vorbeugen zu können, müssen die Ursachen für diese Beschwerden und Erkrankungen herausgefunden werden. Einerseits ist offensichtlich, dass körperliche Belastungen wie das Handhaben von schweren Lasten oder das Bewegen von Personen in der Pflege dafür verantwortlich sind. Andererseits stellt sich die Frage, welche dieser Belastungen noch ungefährlich sind und somit als akzeptabel angesehen werden dürfen und ab welchen Belastungen von einem bedeutenden Risiko ausgegangen werden muss.

Zu dieser Fragestellung wurde eine mehrjährige interdisziplinäre „Richtwertestudie” durchgeführt. Deren arbeitsmedizinischer Hintergrund und datenbezogener Ausgangspunkt sowie die innovative Methodik und ausgewählte Ergebnisse wurden in den beiden jüngsten Ausgaben des Zentralblatts für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie veröffentlicht. Matthias Jäger, der Leiter der Arbeitsgruppe „Biodynamik“ am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung, stellt mit seinen Kolleg/innen aus dem IfADo und aus mehreren anderen universitären, berufsgenossenschaftlichen und behördlichen Einrichtungen in einem einführenden Übersichtsartikel Grundlagen und zentrale Ergebnisse der Studie dar: Für bislang als ungefährlich eingeschätzte Körperhaltungen und Belastungsdosen wurden jetzt Gesundheitsrisiken nachgewiesen.

Die aktuelle „DWS-Richtwertestudie” basiert auf den Daten der sogenannten Deutschen Wirbelsäulenstudie (DWS), der bislang größten wissenschaftlichen Untersuchung zum Zusammenhang von berufsbedingten körperlichen Belastungen als mögliche Ursache von eindeutig definierten Wirbelsäulenerkrankungen. Für insgesamt 1200 Personen mit und ohne Erkrankungen wurden die individuellen Belastungsangaben zu Körperhaltungen und Lastgewicht sowie die jeweilige Dauer und Häufigkeit für das gesamte Berufsleben ermittelt. Daraus wurde die individuelle kumulative Belastung der Lendenwirbelsäule bestimmt und für die epidemiologischen Analysen des Dosis-Wirkung-Zusammenhangs mit den festgestellten Erkrankungen verwendet.

Bislang war man beispielsweise davon ausgegangen, dass relevante Risiken erst bei Tätigkeiten mit einer extrem vorgebeugten Haltung – einer Rumpfvorneigung von 90° – auftreten. Jetzt wurde festgestellt, dass auch weniger stark gebeugte Haltungen mit einem Vorneigen ab etwa 45° ein Gefährdungspotential aufweisen. Auch die „Relevanzschwellen” für die Tagesdosis (die aufsummierte Belastung der Lendenwirbelsäule über einen Arbeitstag) sollten aufgrund der neuen Ergebnisse für Männer auf etwa ein Drittel reduziert werden, für Frauen sogar auf ein Siebtel – bezogen auf früher verwendete Werte. Allerdings wurde damit auch bestätigt, dass im Sinne einer „Erholung über Nacht” aus wissenschaftlicher Sicht eine Mindestschichtbelastung vorliegen muss, um schädigungsrelevant zu sein – im Gegensatz zu derzeit geltenden juristischen Vorgaben. Das Überlastungsrisiko beginnt also in Bezug auf die Schwere des Lastgewichts, den Grad der Rumpfbeugung sowie die Auftretenshäufigkeit von Belastungen früher als gedacht. Und schließlich stellte sich zudem heraus, dass bislang unberücksichtigte Tätigkeiten wie Ziehen und Schieben, Werfen und Fangen sowie andere große Kraftanstrengungen ebenfalls in die Risikoermittlung einfließen sollten.

Daraus ergibt sich für jede(n) einzelne(n) die Schlussfolgerung, ihren bzw. seinen Rücken stets bewusst und schonend einzusetzen, auch wenn es sich subjektiv um einen leichten Belastungsfall zu handeln scheint. Gleichwohl sind körperliche Belastungen zum Erhalt der Gesundheit und zur Steigerung der Leistungsfähigkeit natürlich auch geradezu angeraten und sinnvoll, um das Risiko für Fehlbeanspruchungen und Überlastungen zu verringern. Die Ergebnisse der nun vorliegenden Richtwertestudie deuten darauf hin, dass in Feststellungsverfahren zu bandscheibenbedingten Erkrankungen nach der Berufskrankheitenverordnung solche bislang als unkritisch angesehenen Belastungen zukünftig in die Bestimmung der lebenslangen berufsbedingen Belastungsdosis miteinbezogen werden sollten.

Originalveröffentlichung:
Jäger, M.; Jordan, C.; Voß, J.; Bergmann, A.; Bolm-Audorff, U.; Ditchen, D.; Ellegast, R.; Haerting, J.; Haufe, E.; Kuß, O.; Morfeld, P.; Schäfer, K.; Seidler, A.; Luttmann, A.: Erweiterte Auswertung der Deutschen Wirbelsäulenstudie. Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie 64: 151-168 (2014).

Ansprechpartner:
PD Dr. Matthias Jäger
Telefon: + 49 231 1084-267
E-Mail: mjaeger@ifado.de

Das IfADo – Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund erforscht die Potenziale und Risiken moderner Arbeit auf lebens- und verhaltenswissenschaftlicher Grundlage. Aus den Ergebnissen werden Prinzipien der leistungs- und gesundheitsförderlichen Gestaltung der Arbeitswelt abgeleitet. Das IfADo hat mehr als 230 Mitarbeiter/innen aus naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Das Institut ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Diese Wissenschaftsorganisation umfasst 89 Einrichtungen, die rund 17.200 Menschen beschäftigen, bei einem Jahresetat von 1,5 Milliarden Euro.