Bad Hofgastein, 2. Oktober 2014 – „Es ist dringend nötig, verfügbare Lösungen im Bereich von eHealth und Telemedizin umzusetzen. Die Zeit des Zögerns solte vorbei sein.“ Das war die Botschaft von Pēteris Zilgalvis, Leiter der Abteilung „Health and Wellbeing“ in der DG CONNECT der Europäischen Kommission, auf dem European Health Forum Gastein (EHFG). eHealth könne ein entscheidender Motor zur Steigerung von Qualität, Kosteneffizienz, Produktivität und Wachstum im Gesundheitswesen sein, so Zilgalvis: „Angesichts der zunehmenden Häufigkeit chronischer Erkrankungen, der hohen Kosten von Gesundheitsdienstleistungen bei wachsender Nachfrage und gleichzeitig zunehmender Ressourcenknappheit ist Telemedizin ein Schlüsselfaktor für ein zukunftsweisendes Gesundheitswesen. eHealth kann zur treibenden Kraft für die Implementierung innovativer Modelle und Produkte werden, die Chancengleichheit im Zugang zu Gesundheitseinrichtungen ebenso wie deren Management verbessern.“ Zilgalvis forderte Reformwillen zur entschlossenen Umsetzung des eHealth-Aktionsplans 2012-2020 der EU ein.

Interoperabilität gefordert

Dieser unterstreicht die Notwendigkeit eines hohen Maßes an Standardisierung und Interoperabilität der verschiedenen Informations- und Kommunikationssysteme von Gesundheitsdiensten auf rechtlicher, organisatorischer, begrifflicher und technischer Ebene. „Der Mangel an national und international festgelegten Standards behindert die Optimierung der Potenziale von eHealth. Eine leistungsfähige Infrastruktur braucht Interoperabilität und ein koordiniertes Datenmanagement. Die Implementierung von eHealth-Innovationen ist aber nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch des Bewusstseins, des Denkens und der Handlungsbereitschaft der Akteure im Gesundheitswesen“, sagte Zilgalvis.

„Der verstärkte und vor allem vernetzte Einsatz von Informationstechnologien wird seitens der Gesundheitsbehörden auf mehreren Ebenen unterstützt, weil vor allem Verbesserungen in der Versorgungsqualität und der Patientensicherheit erwartet werden“, so Dr. Peter Brosch vom österreichischen Gesundheitsministerium. Er sieht die Errichtung des künftig österreichweit zum Einsatz kommenden elektronischen Gesundheitsaktes „ELGA“ als zentrales eHealth-Projekt, das beispielgebend für den sektorenübergreifenden Einsatz moderner IT ist. Bereits bei der Konzeption von ELGA sei die Nutzung internationaler Standards festgelegt worden, was die Interoperabilität der Systeme auch für die Zukunft sicherstelle.

„Die Verfügbarkeit technologische Lösungen ist zumeist nicht das Problem,“ so Dr. Brosch. „Sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene muss gleichrangig zur technischen die rechtliche und die semantische Interoperabilität sichergestellt werden. Neben dem Datenschutz sind die Frage der eindeutigen Personen-Identifikation und eine Reihe damit verknüpfter rechtlicher Aspekte kritische Punkte für die künftigen Nutzung von eHealth.“

„Der Fokus wurde lange Zeit zu sehr auf den technologischen Aspekt gelegt, während die organisatorischen Herausforderungen und das Change Management vergessen wurden. Die Frage nach der Einbettung von Telemedizin in moderne Versorgungsstrukturen ist jedoch entscheidend“, betonte eHealth-Experte Peeter Ross von der estnischen eHealth Foundation. Die Organisationskultur von Gesundheitseinrichtungen müsse fit gemacht werden für eHealth, was zugleich Hand in Hand gehe mit einer Stärkung der Patientenzentriertheit.

Einbettung in Alltagspraxis

„Die größte Herausforderung besteht in der Einbettung von eHealth in die alltägliche Praxis der Gesundheitsdiensteanbieter. eHealth muss ein Ausbildungsschwerpunkt in allen Gesundheitsberufen werden“, so Heleen Riper, Professorin für eMental-Health und klinische Psychologie an der VU Universität Amsterdam. Vorreiter wie Großbritannien, Dänemark, Schweden, Niederlande oder Deutschland müssten zu Zugpferden für andere EU-Staaten werden, der EU komme eine Schlüsselrolle bei der systematischen Etablierung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen zu.

Auch wenn Sorgen über die Speicherung von Gesundheitsdaten ernst genommen werden müssten, dürfe das erforderliche hohe Maß an Datenschutz und -sicherheit nicht in Skepsis gegenüber eHealth-Innovationen an sich umgemünzt werden, ist Prof. Riper überzeugt: „Die digitalen Möglichkeiten sind längst Teil unserer Lebenswelt, sich dagegen zu verschließen wäre anachronistisch. eHealth muss als Chance zur Stärkung der Eigenverantwortung und Autonomie der Patienten/-innen begriffen werden.“

Besserer Zugang, mehr Chancengleichheit

Dass Informations- und Kommunikationstechnologien im Gesundheitswesen soziale Ungleichheiten und Barrieren schaffen oder verstärken würden, glaubt Kommissionsexperte Zilgalvis nicht: „Wir sehen vor allem den positiven Trend eines verbesserten Zugangs zur Gesundheitsversorgung. Telemedizin, ein wichtiger Teilbereich von eHealht, ermöglicht auch Personen, die in größerer Entfernung zu Gesundheitseinrichtungen wohnen, ein regelmäßiges Monitoring ihrer chronischen Krankheiten und erspart den Betroffenen mühsame Wege. Vitalparameter und deren Schwankungen können erfasst, Hospitalisierungen, Routinekontakte und Aufenthaltsdauer in Gesundheitseinrichtungen können reduziert und die autonome Lebensführung der Patienten/-innen kann gestärkt werden.“ Prof. Riper ergänzte: „Paneuropäische Studien zeigen eindeutig die Wirksamkeit von eMental-Health etwa bei der Behandlung von Depressionen, zeigen Vorteile durch den niedrigschwelligen Zugang, aber auch kostendämpfende Effekte“.

Die Europäische Kommission fördert zahlreiche telemedizinische Projekte. So befasst sich etwa das „Mastermind“-Projekt mit dem Einsatz von Telemedizin bei der Behandlung von Depressionen, „United4Health“ umfasst eine Untersuchung von 12.000 Patienten/-innen mit Blick auf Telemedizin-Services bei Diabetes, COPD und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und greift zugleich auf die Ergebnisse des früher gestarteten „Renewing Health“-Projekts zurück.

„Wir brauchen ein Anreizsystem für die unterschiedlichen Stakeholder und einen klaren Durchführungsplan. Es ist besser, einzelne eHealth-Leistungen schrittweise umzusetzen, als die Implementierung mit Verweis auf die Komplexität des Ganzen zu verzögern“, so Peeter Ross von der estischen eHealth Foundation.

„Electing Health – The Europe We Want“ ist das Motto des diesjährigen EHFG. Rund 600 Teilnehmer/-innen aus rund 45 Ländern nutzen Europas wichtigste gesundheitspolitische Konferenz in Bad Hofgastein zum Meinungsaustausch über zentrale Fragen europäischer Gesundheitssysteme. Die Rolle von eHealth-Strategien in europäischen Gesundheitssystemen ist einer der Schwerpunkte des Kongresses.

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